Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Ein Teil des aufgehängten Hammelfleisches war schimmlig geworden. Der Bader schnitt den verdorbenen Teil ab und trug ihn in den Wald. Aus dem Äpfelfass stieg stechender Gestank, denn nur mehr wenige Früchte waren nicht angefault. Rob kippte das Fass um und leerte es aus, prüfte jeden Apfel und legte die gesunden Früchte beiseite. Sie fühlten sich in seinen Händen fest und rund an. Er erinnerte sich, wie der Bader ihm das weiche Auffangen beigebracht hatte, indem er ihm Äpfel zum Jonglieren gab, und so schnellte er drei von ihnen in die Höhe: hopp-hopp-hopp.
Er fing sie auf. Dann warf er sie wieder, diesmal sehr hoch, und klatschte in die Hände, bevor er sie auffing. Er hob zwei weitere Äpfel auf und schickte alle fünf hinauf, aber - o Pech! - sie stießen in der Luft zusammen und landeten einigermaßen zermatscht auf dem Fußboden. Er erstarrte, da er nicht wusste, ob sich der Bader in der Nähe befand; er war sicher, wieder Hiebe einzustecken, wenn sein Meister entdeckte, wie er mit dem Essen umging. Aber aus dem anderen Raum kam kein Protest. Er begann, die gesunden Äpfel wieder in das Fass zu legen. Es war gar nicht so schlecht gegangen, sagte er sich, die zeitliche Abstimmung schien besser geworden zu sein.
Er wählte wieder fünf Äpfel von der richtigen Größe aus und warf sie in die Höhe. Diesmal klappte es beinahe, aber seine Nerven hielten nicht durch, und
die Früchte fielen knallend auf den Boden, als hätte ein Herbststurm sie vom Baum gebeutelt.
Er hob die Äpfel auf und schnellte sie wieder empor. Er musste ihnen überallhin nachrennen, und es war ein Hinundherlaufen statt flüssiger, schöner Bewegungen, doch diesmal flogen die fünf Äpfel in die Luft, landeten in seinen Händen und wurden gleich wieder hinaufgeschickt, als wären es nur drei. Hinauf und hinunter und hinauf und hinunter. Immer wieder.
»O Ma!« keuchte er, obwohl er noch Jahre später nicht ins reine kommen konnte, ob sie etwas damit zu tun hatte oder nicht. Hopp-hopp-hopp-hopp-hopp! »Bader!« sagte er laut, er hatte Angst zu schreien. Die Tür ging auf. Im nächsten Augenblick verlor er die Übersicht, und überall purzelten Äpfel zu Boden.
Als er aufblickte, wich er zurück, denn der Bader stürzte mit erhobenen Händen auf ihn zu.
»Ich habe es gesehen!« schrie er, und Rob fand sich in einer begeisterten Umarmung wieder, die sich mit den heftigsten Angriffen des Bären Bartram durchaus messen konnte.
Der Gaukler
Der Gründonnerstag kam und verging, doch sie blieben in Exmouth, denn Rob musste in allen Sparten der Unterhaltungskunst geschult werden. Sie arbeiteten an einer gemeinsamen Jongleurnummer, was ihm von Anbeginn viel Spaß machte, und er erbrachte auch eine außerordentlich gute Leistung. Dann gingen sie zu Zaubertricks über, die etwa so schwierig waren wie das Jonglieren mit vier Bällen. »Magier werden nicht vom Teufel ernannt«, erklärte der Bader. »Die Magie ist eine menschliche Kunst, die man lernen muss wie das Jonglieren. Aber sie ist viel leichter«, fügte er rasch hinzu, als er Robs Gesicht sah.
Vom Bader wurde Rob in die einfachen Grundlagen der Magie eingeweiht: »Du musst einen tapferen, kühnen Geist besitzen und bei allem, was du tust, ein selbstbewusstes Gesicht machen. Du brauchst geschickte Finger und große Präzision bei der Arbeit, du musst die Zuschauer durch deine Zungenfertigkeit ablenken und fremdartige Worte verwenden, um deine Vorführung auszuschmücken. Die letzte Regel ist bei weitem die wichtigste: Du musst über Vorrichtungen, bestimmte Körperbewegungen und andere Ablenkungsmanöver verfügen, damit die Zuschauer überall hinschauen, nur nicht auf das, was du wirklich tust.«
Die beste Ablenkung seien sie beide, sagte der Bader und benützte den Bandtrick, um es Rob vorzuführen.
»Dafür brauche ich blaue, rote, schwarze, gelbe, grüne und braune Bänder. An das Ende jedes Yards schlinge ich einen Laufknoten, dann rolle ich das geknotete Band fest zu kleinen Knäueln zusammen, die ich in meiner Kleidung verteile. Jede Farbe hat ihre bestimmte Tasche. >Wer möchte ein Band?< frage ich >Ah ja, Sir, ein blaues Band, zwei Yard lang.< Sie verlangen selten ein längeres. Sie brauchen ja keine Bänder, um eine Kuh anzubinden. Ich vergesse die Bitte scheinbar und befasse mich mit anderen Dingen. Dann sorgst du für Ablenkung, vielleicht indem du jonglierst. Während alle Blicke auf dich gerichtet sind, greife ich in meine linke Kitteltasche, in der das blaue Band aufbewahrt wird. Ich täusche Husten vor, verdecke mit der Hand meinen Mund, und das Knäuel ist schon drinnen. Wenn die allgemeine Aufmerksamkeit dann wieder mir gilt, entdecke ich das Ende des Bandes zwischen meinen Lippen und ziehe es Stück um Stück heraus. Sobald der erste Knoten bei meinen Zähnen anlangt, geht er auf. Wenn der zweite Knoten kommt, weiß ich, dass ich bei zwei Yards bin, schneide das Band ab und zeige es her.« Rob lernte den Trick begeistert, war aber von der schnöden Manipulation enttäuscht und seiner Illusion beraubt.
Der Bader beraubte ihn aber noch mehrer Illusionen. Obwohl Rob längst nicht als ausgelernter Magier gelten konnte, arbeitete er bald als Helfer des Zauberers. Er lernte einfache Tänze, Zauberformeln und Lieder, Scherze und Anekdoten, die er nicht verstand. Schließlich plapperte er auch die Reden nach, die zum Verkauf des Universal-Spezificums gehörten. Der Bader lobte ihn, weil er rasch lernte. Lang bevor sein Lehrling es für möglich hielt, erklärte der Bader, dass er nun gerüstet sei.
Sie brachen an einem nebligen Aprilmorgen auf und reisten zwei Tage lang in leichtem Frühlingsregen durch die Blackdown Hills. Am dritten Nachmittag klarte der Himmel auf, und sie erreichten das Dort Bridgeton. Der Bader hielt das Pferd bei der Brücke an, der der Ort seinen Namen verdankte, und erteilte Rob letzte Anweisungen. Als dann die Vorstellung begann, sprang er mit dem Bader auf das Podium.
»Guten Tag und guten Morgen«, begrüßte der Bader die Menge. Sie begannen beide, mit zwei Bällen zu jonglieren. »Wir freuen uns sehr, in Bridgeton zu sein.«
Gleichzeitig zogen beide einen dritten Ball aus der Tasche, dann einen vierten und schließlich einen fünften.
Der Beifall war das lauteste und zugleich schönste Geräusch, das Rob je gehört hatte.
Der Bader ließ dann in einem leeren Korb Papierrosen aufblühen, verwandelte ein dunkles Halstuch in eine Reihe farbiger Fähnchen, griff sich Münzen aus der leeren Luft und ließ zuerst einen Krug Bier und dann ein Hühnerei verschwinden.
Rob sang »Der reichen Witwe Liebesnot« zu einem entzückten Pfeifkonzert, dann verkaufte der Bader schnell sein universelles Spezificum, leerte drei Körbe und schickte Rob um Nachschub in den Wagen. Danach wartete eine lange Reihe von Patienten darauf, wegen verschiedener Leiden behandelt zu werden, denn wenn auch die leichtgläubige Menge schnell bereit war zu lachen und auf einen Scherz einzugehen, bemerkte Rob, dass die Leute doch äußerst ernst wurden, wenn es sich darum handelte, Heilung für die Krankheiten ihres Körpers zu finden.
Sobald die Patienten gegangen waren, verließen sie Bridgeton, denn der Bader behauptete, es sei ein Räubernest, in dem einem nach Einbruch der Dunkelheit die Kehle durchgeschnitten wurde. Der Meister war mit ihren Einnahmen sichtlich zufrieden, und Rob schlief an diesem Abend mit dem Bewusstsein ein, sich seinen Platz in dieser Welt gesichert zu haben.