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Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte

Электронная книга - «Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte». Краткое содержание книги:

Pilar, die Erzählerin des Romans Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte, hat über die Jahre zu ihrem Jugendfreund nur losen Kontakt. Um so überraschter ist sie, als sie von ihm eine Einladung zu einem seiner Vorträge erhält. Gespannt macht sie sich auf die Reise.
Während der kommenden Woche erwartet sie eine intensive Zeit. Einerseits lebt ihre alte Liebe wieder auf, zum anderen weiß sie, daß ihr Freund an seinem Priesterseminar bleiben will und sich ganz seinem Glauben widmen möchte.
Paulo Coelho hat nach seinem weltweiten Bestseller Der Alchimist wieder einen Roman voller Weisheit, verpackt in wunderschönen Sätzen, geschrieben, der sich am ehesten mit Susanna Tamaros Buch Geh wohin dein Herz dich trägt vergleichen läßt. Eine große Liebe auf der Suche nach tiefer Einsicht in ein oft undurchsichtiges Schicksal.
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Gott schien mich zu erhören. Die Worte strömten freier aus mir

– und verloren allmählich die Bedeutung, die sie in der Sprache der Menschen haben. Das Gefühl von Peinlichkeit schwand, mein Mut wuchs, die Sprache strömte frei heraus. Obwohl ich nichts von dem verstand, was ich sagte, erfaßte meine Seele den Sinn. Nur schon, daß ich den nötigen Mut aufgebracht hatte, sinnlose Dinge zu sagen, wirkte euphorisierend auf mich. Ich war frei, brauchte mein Handeln nicht mehr zu rechtfertigen. Diese Freiheit hob mich in den Himmel – wo eine größere Liebe, die alles vergibt und sich nie verlassen fühlt, mich wieder in sich aufnahm.

›Mein Glaube scheint zu mir zurückzukehren‹, dachte ich voll Staunen über all die Wunder, die die Liebe zu tun imstande ist.

Ich spürte die Heilige Jungfrau an meiner Seite, wie sie mich im Arm hielt, mich umhüllte und mit ihrem Mantel wärmte. Die fremdartigen Worte flossen immer schneller aus meinem Munde.

Unwillkürlich begann ich zu weinen. Freude durchströmte mein Herz, erfüllte mich. Sie war stärker als alle Ängste, als meine kleinlichen Gewißheiten, als der Versuch, jede Sekunde meines Lebens zu kontrollieren.

Ich wußte, daß dieses Weinen ein Geschenk war, denn die Nonnen hatten uns in der Schule gelehrt, daß die Heiligen in der Ekstase weinen. Ich öffnete die Augen, sah in den dunklen Himmel hinauf und fühlte, wie meine Tränen sich mit dem Regen vermischten. Die Erde war lebendig, das Wasser, das von oben kam, brachte das Wunder aus der Höhe wieder zurück. Und wir waren ein Teil dieses Wunders.

»Gott kann also eine Frau sein, das ist gut so«, sagte ich leise, während die anderen sangen. »Wenn es so ist, dann hat sein weibliches Antlitz uns lieben gelehrt.«

»Laßt uns Gruppen von je acht Personen bilden und gemeinsam beten«, sagte der Priester auf spanisch, italienisch und französisch.

Ich war verwirrt, wußte wieder nicht recht, wie mir geschah, als jemand von links auf mich zutrat und mir den Arm um die Schulter legte und ein anderer von rechts es ihm gleichtat.

Dann beugten wir uns alle nach vorn, und unsere Köpfe berührten sich.

»Möge die Heilige Mutter Gottes von der Unbefleckten Empfängnis meinem Sohn helfen und ihm den rechten Weg weisen«, sagte die Stimme des Mannes, der mich rechts umfangen hielt. »Ich bitte euch, ein Ave-Maria für meinen Sohn zu beten.«

»Amen«, antworteten alle. Und die acht beteten ein Ave-Maria.

»Möge die Heilige Mutter Gottes von der Unbefleckten Empfängnis mich erleuchten und in mir die Gabe des Heilens wecken«, sagte die Stimme einer Frau in meiner Gruppe. »Laßt uns ein Ave-Maria beten.«

Und wieder sagten alle »Amen« und beteten.

Jeder sagte eine Bitte, und alle beteten gemeinsam. Ich war über mich selbst verwundert, denn ich betete wie ein Kind – und wie ein Kind glaubte ich, daß die Gebete erhört werden würden.

Die Gruppe schwieg den Bruchteil einer Sekunde lang. Ich merkte, daß ich nun an der Reihe war, um etwas zu bitten. In jeder anderen Situation hätte ich mich zu Tode geschämt und kein Wort herausgebracht. Doch etwas war mir nahe, was mir Vertrauen einflößte.

»Möge die Heilige Mutter Gottes von der Unbefleckten Empfängnis mich lehren, wie sie zu lieben«, sagte ich. »Möge diese Liebe mich und den Mann, dem sie gilt, wachsen lassen.

Laßt uns ein Ave-Maria beten.«

Wir beteten gemeinsam, und wieder erfüllte mich dieses Gefühl von Freiheit. Jahrelang hatte ich gegen mein Herz gekämpft, weil ich mich vor der Traurigkeit, dem Leiden, dem Verlassensein fürchtete. Ich hatte immer gewußt, daß die wahre Liebe über all diesem stand und daß es besser war zu sterben als nicht mehr zu lieben.

Aber ich hatte immer geglaubt, nur die anderen hätten den Mut.

Und jetzt, in diesem Augenblick, entdeckte ich, daß auch ich dazu fähig war. Auch wenn es Trennung, Einsamkeit, Traurigkeit bedeuten mochte, die Liebe war es wert.

›Ich darf jetzt nicht über all diese Dinge nachdenken, ich muß mich auf das Ritual konzentrieren.‹ Der Priester, der unsere Gruppe leitete, bat uns nun, einander loszulassen und für die Kranken zu beten. Alle beteten, sangen, tanzten im Regen, beteten zu Gott und zur Heiligen Jungfrau Maria und sprachen wieder in fremden Zungen und wiegten sich mit zum Himmel gereckten Armen.

»So jemand hier ist, dessen Schwiegertochter krank ist, so wisse er, daß sie geheilt wird«, sagte irgendwann eine Frau.

Die Gebete ertönten wieder, die Gesänge ertönten wieder und mit ihnen die Freude.

»So jemand in dieser Gruppe kürzlich seine Mutter verloren hat, so glaube er und wisse, daß sie im Himmel ist.«

Später erzählte er mir, daß dies die Gabe der Prophezeiung sei, daß bestimmte Menschen fähig seien, zu spüren, was an einem fernen Ort geschah oder kurze Zeit darauf geschehen würde.

Doch auch wenn ich das nie erfahren hatte, glaubte ich an die Kraft der Stimme, die von den Wundern redete. Ich hoffte, daß sie irgendwann über die Liebe von zwei dort anwesenden Menschen sprechen würde. Ich hoffte darauf, die Stimme sagen zu hören, daß diese Liebe von allen Engeln, Heiligen, von Gott und von der Göttin gesegnet sei.

Ich weiß nicht, wie lange dieses Ritual gedauert hat. Die Menschen sprachen immer wieder in fremden Zungen, sangen, tanzten mit zum Himmel gereckten Armen, beteten für ihren Nächsten, baten um Wunder, bezeugten Gnaden, die ihnen widerfahren waren.

Schließlich sagte der Pater, der die Zeremonie leitete:

»Laßt uns singend für alle Menschen beten, die das erste Mal an dieser charismatischen Erneuerung teilgenommen haben.«

Ich war also nicht die einzige. Das beruhigte mich.

Alle sangen ein Gebet. Dieses Mal hörte ich nur zu, betete darum, daß mir Gnade zuteil werde.

Ich brauchte viel davon.

»Laßt uns den Segen empfangen«, sagte der Pater.

Alle wandten sich zur erleuchteten Grotte auf der anderen Seite des Baches. Der Pater sprach mehrere Gebete und segnete uns. Dann küßten sich alle und wünschten einander einen glücklichen Tag der Unbefleckten Empfängnis, und jeder ging seines Weges.

Er kam auf mich zu. Er sah noch fröhlicher aus als sonst.

»Du bist klitschnaß«, sagte er.

»Du aber auch«, antwortete ich lachend.

Wir fuhren im Wagen nach Saint-Savin zurück. Ich hatte diesen Augenblick so sehnlich erwartet, aber jetzt wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte nichts zum Haus in den Bergen, über das Ritual, die Bücher und die Schallplatten, die fremden Zungen und die im Kreis gesprochenen Gebete sagen.

Er lebte in zwei Welten. Irgendwo und in einem bestimmten Augenblick verschmolzen diese beiden Welten zu einer einzigen – und ich mußte herausfinden, wie.

Doch Worte waren in jenem Augenblick fehl am Platz. Die Liebe entdeckt man, indem man liebt.

»Ich habe nur noch einen Pullover«, sagte er, als wir im Zimmer angelangt waren. »Du kannst ihn haben. Morgen kaufe ich mir einen neuen.«

»Wir können die Wäsche auf die Heizung legen. Dann ist sie morgen trocken«, meinte ich. »Für alle Fälle habe ich ja noch die Bluse, die ich gestern gewaschen habe.«

Einen Augenblick schwiegen wir beide.

Wäsche. Nacktheit. Kälte.

Er zog ein T-Shirt aus dem Koffer.

»Damit kannst du schlafen«, sagte er.

Ich löschte das Licht. Im Dunkeln zog ich meine nassen Kleider aus, legte sie auf die Heizung und drehte diese ganz auf.

Der Schein der Laterne vor dem Haus war stark genug, daß er meine Umrisse sah, wußte, daß ich nackt war. Ich zog mir das T-Shirt an und schlüpfte unter meine Bettdecke.

»Ich liebe dich«, hörte ich ihn sagen.

»Ich bin dabei zu lernen, dich zu lieben«, antwortete ich.

Er zündete sich eine Zigarette an. »Glaubst du, daß der richtige Augenblick kommen wird?« fragte er.

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