Der siebente Sohn [Seventh Son - de]
- Автор: Кард Орсон Скотт
- Серия: Alvin Macher #1
- Год: 1988
- Язык: немецкий
- Год: Bastei-L
- ISBN: 3-404-20115-9
- Переводчик: Ralph Tegtmeier
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Der siebente Sohn [Seventh Son - de]». Краткое содержание книги:
Also leistete Alvin das feierlichste Versprechen seines ganzen Lebens. Er hatte eine Fähigkeit, und er würde sie nutzen, aber er würde sich an gewisse Gesetze halten, auch wenn es ihn umbrachte. »Ich werde es niemals mehr für mich selbst anwenden«, sagte Alvin Junior. Und als er diese Worte aussprach, hatte er das Gefühl, als würde sein Herz brennen, so heiß war es darin.
Der leuchtende Mann verschwand wieder.
Alvin lehnte sich zurück, glitt unter die Decke, erschöpft vom Weinen und matt vor Erleichterung. Er hatte etwas Schlimmes getan. Doch solange er seinen Schwur hielt und seine Fähigkeit nur benutzte, um anderen Menschen zu helfen und sie niemals benutzte, um sich selbst zu helfen, solange würde er ein guter Junge sein und brauchte sich nicht zu schämen. Er fühlte sich so leicht im Kopf, als wäre er aus einem Fiebertraum erwacht, und so ähnlich war es ja auch, denn er war von einer Bösartigkeit geheilt worden, die eine Weile in ihm herangewachsen war.
Während er so dalag, spürte Alvin erneut, wie das Licht im Raum anschwoll. Doch diesmal kam es nicht von dem leuchtenden Mann. Als er die Augen öffnete, erkannte er, daß das Licht aus ihm selbst hervorkam. Seine eigenen Hände leuchteten, sein eigenes Gesicht mußte ebenso glühen wie das des leuchtenden Mannes. Er warf seine Decken zurück und sah, daß sein ganzer Körper von einem Licht erstrahlte, das so blendend war, daß er es kaum ertrug, sich selbst zu betrachten. Bin ich das? dachte er.
Nein, nicht ich. Ich leuchte so, weil ich etwas tun soll. Genau wie der leuchtende Mann etwas für mich getan hat, muß ich auch etwas tun. Aber für wen soll ich etwas tun?
Plötzlich war der leuchtende Mann wieder am Fußende seines Bettes, doch er leuchtete nicht mehr. Nun erst begriff Al Junior, daß er diesen Mann kannte. Es war Lolla-Wossiky, dieser einäugige Whiskey-Rote, der sich vor ein paar Tagen hatte taufen lassen, noch immer in den Kleidern des Weißen Mannes, die sie ihm gegeben hatten, als er Christ geworden war. Mit dem Licht in seinem Inneren konnte Alvin nun klarer sehen als jemals zuvor. Er sah, daß es nicht der Fusel war, der diesen armen Roten Mann vergiftete, und es war auch nicht der Verlust des einen Auges, der ihn verkrüppelte, sondern etwas viel Finstereres, etwas, das wie Schimmel im Inneren seines Kopfes wuchs.
Der Rote Mann machte drei Schritte vor und kniete neben dem Bett nieder, sein Gesicht war nur ein kleines Stück von Alvins Augen entfernt. Was willst du von mir? Was soll ich tun?
Zum ersten Mal öffnete der Mann seine Augen und sprach. »Mach alle Dinge ganz«, sagte er. Im nächsten Augenblick begriff Al Junior, daß der Mann es in seiner eigenen Sprache gesagt hatte, doch Al hatte es so deutlich verstanden, als wäre es das Englisch des Lordprotektors persönlich gewesen. Mach alle Dinge ganz.
Nun, das war ja schließlich Als Fertigkeit: Dinge zu reparieren, dafür zu sorgen, daß die Dinge so liefen, wie sie sollten. Das Problem war nur, daß er selbst nicht so richtig begriff, wie er das anstellte, außerdem hatte er keinerlei Vorstellung, wie er etwas reparieren sollte, das lebendig war.
Aber vielleicht brauchte er es auch gar nicht zu verstehen. Vielleicht mußte er einfach nur handeln. Also hob er die Hand, streckte sie so vorsichtig aus, wie er konnte, und berührte Lolla-Wossikys Wange unter dem kaputten Auge. Nein, das war nicht richtig. Er hob den Finger, bis er das schlaffe Augenlid berührte, dort, wo das andere Auge des Roten sein mußte. Ja, dachte er. Sei ganz.
Die Luft knisterte. Lichtfunken. Al stöhnte auf und riß die Hand zurück.
Alles Licht war aus dem Raum verschwunden. Nun kam nur noch das Mondlicht durch das Fenster herein. Von der Helligkeit war nicht einmal mehr ein Glimmern übrig. Ganz so, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht.
Alvins Augen brauchten eine Minute, um sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Es war kein Traum, soviel war sicher. Denn dort stand der Rote, der einst der leuchtende Mann gewesen war. Man träumt nicht, wenn neben dem Bett ein Roter Mann kniet, aus dessen gesundem Auge die Tränen hervorströmten, während das andere Auge, wo man ihn gerade berührt hatte…
»Es hat nicht geklappt«, flüsterte Alvin. »Es tut mir leid.«
Es war mehr als schändlich, daß der leuchtende Mann ihn von seiner schrecklichen Bösartigkeit errettet hatte, aber er hatte nichts für ihn tun können. Der Rote Mann sagte jedoch kein Wort des Vorwurfs. Statt dessen griff er mit beiden großen, kräftigen Händen nach Alvins nackten Schultern und drückte ihn eng an sich, küßte ihn auf die Stirn, hart und fest, wie ein Vater seinen Sohn oder wie wahre Freunde vor dem Tag, da sie sterben werden. Dieser Kuß und alles, was er enthielt, Hoffnung, Vergebung, Liebe — laß mich ihn niemals vergessen, sagte Alvin stumm.
Lolla-Wossiky sprang auf die Beine, bewegte sich flink wie ein Junge, gar nicht wie ein Betrunkener. Verändert, er war tatsächlich verändert. Alvin kam der Gedanke, daß er möglicherweise doch etwas geheilt hatte, etwas, das tiefer ging als diese Augen. Vielleicht hatte er ihn von der Gier nach Whiskey befreit.
Doch wenn das stimmte, so wußte Al doch, daß nicht er selbst dieses Wunder vollbracht hatte. Es war das Licht gewesen, das sich für eine Weile in ihm befunden hatte; das Feuer, das ihn gewärmt hatte, ohne ihn zu verbrennen.
Der Rote Mann stürzte zum Fenster hinüber, schwang sich über den Sims und verschwand. Alvin hörte nicht einmal, wie seine Füße draußen den Boden berührten, so leise war er.
Wie lange hatte das gedauert? Stunden über Stunden? Würde bald der Tag anbrechen? Oder waren nur wenige Augenblicke verstrichen, seit Anne ihm etwas ins Ohr geflüstert und die Familie sich beruhigt hatte?
Nicht so wichtig. Alvin konnte nicht schlafen, nicht nach alledem, was passiert war. Warum war dieser Rote zu ihm gekommen? Was hatte all das zu bedeuten, das Licht, das Lolla-Wossiky erfüllt hatte und dann auch ihn? Er konnte einfach nicht hier im Bett liegenbleiben, so erregt, wie er war. Also stand er auf, glitt so schnell er konnte in sein Nachthemd und schlüpfte aus der Tür.
Draußen im Gang hörte er Stimmen. Mama und Papa unten waren noch immer auf. Zunächst wollte er hinunterstürzen und ihnen erzählen, was ihm alles geschehen war. Doch dann bemerkte er, wie sie sich unterhielten; voller Zorn und Furcht. Keine gute Zeit, um ihnen von einem Traum zu erzählen. Auch wenn Alvin wußte, daß es überhaupt kein Traum gewesen war, sie würden es wie einen Traum behandeln. Und nun, da er richtig darüber nachdachte, wußte er, daß er ihnen überhaupt nichts davon erzählen durfte. Sollte er etwa sagen, daß er die Schaben ins Zimmer seiner Schwester geschickt hatte? Dann würde alles herauskommen, die Nadeln, das Gepieke, die Drohungen, auch wenn es für Alvin schon Monate, ja Jahre her war. Nichts davon spielte jetzt noch eine Rolle, verglichen mit dem Eid, den er geleistet hatte, und der Zukunft, die vor ihm lag — aber für Mama und Papa würde es eine Rolle spielen.
Also schlich er sich auf Zehenspitzen den Gang und die Treppe hinunter, gerade so weit, um zuhören zu können, ohne entdeckt zu werden.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis er sich näher herantraute. Er kroch weiter hinunter, um in den großen Raum spähen zu können. Papa saß auf dem Boden, von Holz umgeben. Al Junior war überrascht, daß Papa noch immer das Holz untersuchte, selbst nachdem das Unglück mit den Schaben geschehen war. Er hatte sich inzwischen vorgebeugt, das Gesicht in den Händen vergraben. Mama kniete vor ihm, zwischen ihnen lagen die größten Holzstücke.
»Er lebt, Alvin«, sagte Mama. »Alles andere ist unwichtig.«
Papa hob den Kopf und sah sie an. »Es war Wasser, das in diesen Baum gesickert ist, um zu frieren und wieder zu tauen, lange bevor wir ihn gefällt haben. Und wir haben ihn gerade so gefällt, daß die Schwachstelle an der Oberfläche nicht zu erkennen war. Aber er war innen dreifach gebrochen, wartete nur auf das Gewicht des Dachbalkens. Das hat das Wasser angerichtet.«