Die Habenichtse
- Автор: Hacker Katharina
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Fischer-Taschenbuch-Verl
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Habenichtse». Краткое содержание книги:
Die beiden haben alles, was ein junges, erfolgreiches Paar braucht und stehen doch mit leeren Händen da. Sehnsüchtig und ratlos sehen sie zu, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Jakob ist fasziniert von seinem Chef, Isabelle von Jim, dem Dealer. Die untergründigen Ströme von Liebe und Gewalt werden spürbar, und das Nachbarskind Sara wird ihr Opfer.
Als das Telefon klingelte, wußte er, wessen Stimme er hören, wessen Stimme er nicht hören würde, und er lauschte mutlos, antwortete zustimmend. In der Küche spülte er, was dort seit Tagen stand, das wenige, das er benutzte, vereinzelte Gegenstände, die ihn wie ein schadhafter Zaun von dem sich auftürmenden Berg hoffnungsvoller Erwartung und endgültiger Resignation seiner Tante und seines Onkels trennte. Aus einem Alptraum, hatte sein Onkel gesagt, wacht man umgekehrt, in der falschen Richtung auf, aus glücklichen Träumen gar nicht. Im Treppenhaus waren Schritte zu hören, jemand stapfte schwerfällig, aber entschieden aufwärts, vorbei an seiner Wohnungstür, dorthin, wo nur noch der Dachboden war, von einem Vorhängeschloß bloß symbolisch abgeschlossen, die Schritte wanderten über Andras’ Kopf, dann war es wieder still. Es richtete sich dort vielleicht ein Obdachloser ein, mit einer Decke, ein paar Plastiktüten, versuchte ein Feuerchen zu machen, Andras seufzte, er würde nachsehen müssen. Dann nochmals Schritte, diesmal die Schritte einer Frau, und als Magda klopfte, öffnete Andras und schloß sie umstandslos in seine Arme. — Es riecht nach Winter in deinem Treppenhaus, murmelte Magda, schmiegte ihr mageres Gesicht an seine Schulter, lachte. Von wem hast du geträumt, von deiner Kleinen? Wie eine leichte, fast durchsichtige Stoffbahn schob sie sich zwischen ihn und seinen Kummer, er glaubte, als er über ihre spröde, sommersprossige Haut streichelte, Isabelle zu hören, flüsternd, ängstlich, den kleinen, klagenden Laut, begriff er nach einem Augenblick, hatte aber Magda ausgestoßen, sie schmiegte sich fester an ihn, die Schenkel geöffnet, mit einer bescheidenen Lust, die ihn anrührte, und es dauerte einen weiteren Augenblick, bis er begriff, daß es seine eigene Bedürftigkeit war, die sie widerspiegelte.
— Mein armer Schatz, sagte sie so leichthin wie abwesend, daß er ruhig liegenblieb, während sie sich erhob, ihre Bluse überstreifte und zuknöpfte, sich noch einmal zu ihm beugte, ihn küßte. Vielleicht passen wir so am besten zusammen, du mit deiner Isabelle, ich mit meiner Traurigkeit um Friedrich. Ich habe ihn geheiratet, weil er es wollte und ich nichts anderes wußte damals, und jetzt träume ich von ihm, er kommt mir so schön vor. Sie lachte, schritt durch das angrenzende Wohnzimmer, strich über das rote Sofa, setzte sich einen Moment darauf, er sah die helle Haut der dünnen Beine, wie eine alte Frau, zerbrechlich, anfällig sah sie aus, und es war leicht, sich seine Tante neben ihr sitzend vorzustellen, mit dem Kopf nickend, lautlos eine ihrer unendlich verschlungenen Geschichten erzählend, die von den Zimmern, den Häusern in Budapest handelte, über das Jahrhundert hinweg, das den Menschen den Platz von Schatten und Verlierern zugewiesen hatte.
— Laß uns nach Budapest fahren, sagte Magda. Glaub mir, es gibt keine bessere Grundlage für eine Ehe, als wenn der eine akzeptiert, daß der andere ihn nicht liebt. Andras stand auf, streifte Unterhose und Hose über und ging, mit nacktem Oberkörper, der ihm schwerfällig, zu unbeholfen vorkam, auf Magda zu. Er war sich ihres prüfenden Blicks bewußt, er sehnte sich, alleine zu sein, alleine zu einem Spaziergang aufzubrechen, in irgendeiner Kneipe etwas zu trinken, mit irgend jemandem ein paar Sätze zu wechseln, wieder in den Abend hinauszugehen und mit einem Taxi in der Wartburgstraße vorbeizufahren, um gegen Morgen erst hierher zurückzukehren, vielleicht betrunken, und dann an Magdas Körper zu denken, an ihre Zärtlichkeit, die ihn noch immer wie ein hauchdünner Stoff von Isabelle trennte. Er war dankbar dafür. Er war dankbar, daß Magda sich frisch ankleidete und auf den Weg machte, ihm von der Tür aus eine Kußhand zuwarf, keine zusätzliche Umarmung erwartend, nichts anderes erwartend, als was sie in seinen Augen las, daß sie ein Liebespaar sein würden. Vielleicht würden sie sich nur einmal in der Woche sehen, zum Abendessen, und miteinander schlafen wie ein altes Ehepaar, jedem sein Kummer, jedem seine Freude, und doch gab es jemanden, der diesen alternden Körper in seine Arme schloß, nicht um des Augenblicks, sondern um der verstreichenden Zeit willen, vielleicht das einzig mögliche Erbarmen, dachte Magda. Die Zeit war in so kleine Portionen unterteilt, daß es nicht lohnte, ihr Beachtung zu schenken.
Vier Tage später lud Andras sie zum Abendessen ein. Er wollte, sah Magda, sie nicht küssen, aber er nahm ihre Hand, streichelte sie, die faltigen Knöchel, die hübschen, unlackierten Fingernägel, die dünnen, deutlich sichtbaren Adern, streichelte sie, damit Magda für eine Weile vergessen konnte, was jetzt seiner Obhut überlassen war. Womöglich, dachte er, sind wir wirklich zu alt, um uns zu sorgen, ob es ausreicht. Und er erzählte ihr von dem Mann, den er auf dem Dachboden inzwischen aufgesucht hatte, von dem winzigen dunklen Gesicht, aus dem ihn die Augen erschreckt angesehen hatten, von den Wutausbrüchen desselben Mannes, der fluchend und schreiend in einen aussichtslosen Kampf mit marodierenden Gespenstern verwickelt war, die namentlich zu nennen der Mann nicht wagte, der sich als Herr Schmidt vorgestellte hatte. — Stell dir vor, sagte Andras, es ist sein richtiger Name, Herr Schmidt. Er sagt, daß er acht Geschwister hatte und als einziger noch lebt, als wäre er zu ewigem Leben verurteilt worden. — Und was machst du mit ihm? fragte Magda. — Ich habe ihm eine elektrische Kochplatte gekauft und einen Topf geschenkt. Magda lachte. — Zwei Teller, fuhr Andras fort, und Besteck hat er selbst, jetzt will er mich zum Essen einladen. Die Hausverwaltung kommt eh nicht mehr hierher, sie warten nur darauf, daß ich endlich ausziehe und sie alles verkaufen können.
Es blieb nicht aus, daß Magda und Herr Schmidt sich trafen, und nachdem Herr Schmidt Gelegenheit gehabt hatte, auch einen Blick auf Isabelle zu werfen, klopfte er bei Andras an die Tür, krümmte sich verlegener als je zuvor und teilte Andras mit, daß ihn Unglück erwarte, wenn er die jüngere der beiden Frauen heiraten würde. Es fiel Andras leicht genug, ihn zu beruhigen, aber einen Stich gab es ihm ins Herz. Inzwischen war November, im Januar sollte Jakob nach London ziehen, eine Wohnung finden, Isabelle kurze Zeit später folgen.