Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Sherill begann mit dem Allegro. Ich hörte es, und es sagte mir nichts. Dann kam die Stelle, wo ich mit der Geige hätte einsetzen müssen - nichts. Ich wusste weder, was ich zu tun noch wann ich es zu tun hatte. Ich war, wie einst Lots Weib, buchstäblich zur Salzsäule erstarrt.
Sherill sprang für mich ein. Er improvisierte - bei Beethoven! Er führte mit seinen Improvisationen zu der Stelle zurück, an der mein Einsatz hätte kommen müssen. Wieder nichts! Nur Stille. Ein Vakuum. Und die Stille toste in meinem Kopf wie ein Orkan.
Als das geschah, rannte ich von der Bühne, blindlings und am ganzen Körper zitternd, stürzte ich hinaus. Mein
Vater erwartete mich im grünen Zimmer und rief: »Was ist, Gideon? Um Gottes willen! Was ist?« Keinen Schritt hinter ihm war Raphael.
Ich warf ihm noch meine Geige in die Hände, bevor ich zusammenbrach. Aufgeregtes Gemurmel rundherum, die Stimme meines Vaters, der sagte: »Es ist diese Frau, diese verwünschte Person, richtig? Das haben wir ihr zu verdanken. Verdammt noch mal, reiß dich zusammen, Gideon. Du hast Verpflichtungen.«
Und Sherill, der gleich nach mir die Bühne verlassen hatte, fragte: »Gid? Was ist denn los? Sind dir die Nerven durchgegangen? Mist, das passiert schon mal.«
Raphael legte meine Geige auf den Tisch und sagte: »Ach Gott, ich habe immer befürchtet, dass so etwas einmal passieren würde.« Wie die meisten Menschen dachte er an sich selbst, an seine zahllosen fehlgeschlagenen Versuche, es seinem Vater und seinem Großvater gleichzutun und öffentlich aufzutreten. Alle aus seiner Familie können auf große musikalische Karrieren verweisen, nur der arme, ewig schwitzende Raphael nicht, und ich vermute, er hat insgeheim nur darauf gewartet, dass endlich die Katastrophe über mich hereinbrechen und uns beide zu Brüdern im Unglück machen würde. Er warnte unermüdlich vor den Gefahren einer Blitzkarriere, als nach meinem ersten öffentlichen Konzert, bei dem ich sieben Jahre alt war, mein Stern aufging und bald viele andere überstrahlte. Offensichtlich ist er der Ansicht, dass ich jetzt den Lohn für diesen rasanten Aufstieg ernte.
Aber was ich da zunächst auf der Bühne vor dem Publikum erlebte und danach im grünen Zimmer, das war keine Nervenkrise, Dr. Rose, das war etwas wie ein Ende, so umfassend und unabänderlich fühlte es sich an. Und das Merkwürdige war, dass ich zwar alle Stimmen hörte - die meines Vaters, Raphaels, Sherills -, aber dabei nur ein weißes Licht sah, das auf eine blaue, blaue Tür fiel.
Habe ich eine »Episode«, Dr. Rose, wie mein Großvater? Habe ich eine Episode, die ein Aufenthalt auf dem Land kurieren kann? Bitte, Sie müssen es mir sagen! Denn ich mache nicht Musik, ich bin die Musik, und wenn ich sie nicht mehr habe - den Klang, die reine Erhabenheit des Klangs -, bin ich nichts als eine leere Hülse.
Und nun sagen Sie mir, was es für eine Rolle spielt, dass ich bei dem Bericht über meine Einführung in die Musik meine Mutter nicht erwähnte! Es war eine Unterlassung von »Schall und Wahn«, und es wäre klug von Ihnen, ihr die entsprechende Bedeutung zuzumessen. Aber jetzt wäre es Absicht, sie unerwähnt zu lassen, entgegnen Sie. Und sagen: Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter, Gideon.
25. August
Sie ist arbeiten gegangen. In meinen ersten vier Lebensjahren war sie immer und zuverlässig da, aber als sich zeigte, dass sie ein Kind von außergewöhnlicher Begabung hatte, die Förderung verdiente, was nicht nur Zeit, sondern auch sehr viel Geld kosten würde, suchte sie sich Arbeit, um die finanzielle Last mitzutragen. Ich war von da an meiner Großmutter anvertraut - wenn ich nicht Geige übte, bei Raphael Stunden hatte, die Plattenaufnahmen anhörte, die er mir mitbrachte, oder in seiner Begleitung Konzerte besuchte -, aber mein Leben hatte sich seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal die Musik am Kensington Square hörte, so grundlegend verändert, dass ich meine Mutter kaum vermisste. Vor dieser Zeit jedoch, daran erinnere ich mich genau, pflegte ich sie beinahe jeden Tag, so scheint es mir jedenfalls, in die Frühmesse zu begleiten.
Eine Nonne aus dem Kloster bei uns am Platz, mit der sie sich angefreundet hatte, machte es möglich, dass meine Mutter täglich die Morgenmesse besuchen durfte, die eigentlich nur für die Nonnen gelesen wurde. Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter zum Katholizismus übergetreten war, wobei ich nicht weiß, ob dies infolge einer echten Bekehrung zu einer anderen Glaubenslehre geschah oder als Ohrfeige für ihren Vater gedacht war, der anglikanischer Geistlicher und, soweit ich gehört habe, kein besonders angenehmer Zeitgenosse gewesen war. Mehr weiß ich über ihn nicht.
Über meine Mutter weiß ich natürlich mehr, aber im Grunde genommen ist sie für mich nur eine schattenhafte Gestalt, denn sie hat ja die Familie verlassen, als ich noch relativjung war. Neun oder zehn war ich - ich weiß es nicht mehr genau - und erfuhr bei meiner Heimkehr von einer Konzertreise durch Österreich, dass meine Mutter fortgegangen war, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie hatte alles mitgenommen, was ihr gehörte, jedes Kleidungsstück und jedes Buch, dazu eine große Zahl Familienfotografien, und war verschwunden wie ein Dieb in der Nacht. Allerdings war es Tag gewesen, wie man mir erzählte, und sie hatte sich ein Taxi genommen. Sie ließ keinen Brief und keine Adresse für uns zurück. Ich hörte nie wieder von ihr.
Mein Vater war mit mir in Österreich gewesen - er begleitete mich stets auf Konzertreisen, wie übrigens häufig auch Raphael - und wusste so wenig wie ich darüber, wohin und aus welchen Gründen meine Mutter gegangen war. Ich weiß nur, als wir nach Hause kamen, hatte mein Großvater eine seiner »Episoden«, meine Großmutter saß weinend auf der Treppe, und Calvin, der Untermieter, suchte allein und ohne Hilfe nach einer Telefonnummer, bei der er anrufen könnte.
Calvin, der Untermieter?, fragen Sie. War der frühere Mieter - James, richtig? - nicht mehr da?
Nein. Er muss im Jahr zuvor ausgezogen sein. Oder noch ein Jahr früher. Ich weiß es nicht mehr. Wir hatten im Lauf der Zeit eine ganze Reihe Untermieter. Anders wären wir finanziell nicht über die Runden gekommen, wie ich bereits sagte.
Erinnern Sie sich an alle?, fragen Sie.
Nein. Nur an die, die für mich eine besondere Bedeutung hatten, vermute ich. An Calvin, weil er an dem Abend da war, als ich erfuhr, dass meine Mutter uns verlassen hatte. An James, weil er dabei gewesen war, als alles begann.
Alles?
Ja. Die Musik. Der Geigenunterricht. Die Stunden bei Miss Orr. Alles eben.
26. August
Für mich ist jeder mit Musik verbunden. Wenn ich an Rosemary Orr denke, fällt mir unweigerlich Brahms ein, das Violinkonzert, das sie aufgelegt hatte, als ich ihr das erste Mal begegnete. Bei Raphael denke ich an Mendelssohn. Bei meinem Vater ist es Bach, die Violinsonate in G-Moll. Und mein Großvater ist für mich immer mit Paganini verbunden. Die vierundzwanzigste Caprice war sein Lieblingsstück. »Diese Fülle von Tönen«, pflegte er staunend zu sagen. »Diese vollkommenen Töne.«
Und Ihre Mutter?, fragen Sie. Welches Musikstück verbinden Sie mit Ihrer Mutter?
Keines, eigentlich. Bei ihr ist es nicht so wie bei den anderen. Ich weiß nicht, woher das kommt. Das ist interessant. Vielleicht eine Form der Verleugnung? Oder der Verdrängung von Gefühlen? Ich weiß es nicht. Sie sind die Psychiaterin. Erklären Sie es mir.
Ich tue das übrigens auch heute noch. Ich meine, dass ich ein bestimmtes Musikstück mit einer bestimmten Person verknüpfe. Bei Sherill beispielsweise denke ich sofort an Bartoks Rhapsodie. Das ist das Stück, das wir beide spielten, als wir das erste Mal gemeinsam öffentlich auftraten, vor Jahren, in St. Martin's in the Fields. Wir haben es seither nie wieder gespielt und wir waren damals beide noch Teenager - das amerikanische und das englische Wunderkind, das gab hervorragende Presse, glauben Sie mir -, aber mir wird immer sofort der Bartok präsent sein, wenn ich an Sherill denke. So funktioniert mein Bewusstsein einfach.