Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
»Weiß Gott, wie sich eine solche Sorte von Menschen herausbilden kann!« dachte Nikolai erstaunt, wenn er sich manchmal an diesen überraschenden Fourieristen erinnerte.
Fußnoten
1 Ein Anhänger Fouriers.
Anmerkung des Übersetzers.
2 Das Gemeindehaus im Fourierschen Systeme.
Anmerkung des Übersetzers.
IV.
Unser Prinz reiste mehr als drei Jahre lang, so daß man ihn in unserer Stadt beinahe ganz vergaß. Uns Näherstehenden war durch Stepan Trofimowitsch bekannt, daß er ganz Europa bereist hatte, sogar in Ägypten gewesen war und Jerusalem besucht hatte; dann hatte er sich irgendwo einer wissenschaftlichen Expedition nach Island angeschlossen und war wirklich in Island gewesen. Es hieß auch, er habe einen Winter über an einer deutschen Universität Vorlesungen gehört. An seine Mutter schrieb er nur wenig, einmal im Halbjahr und sogar noch seltener; aber Warwara Petrowna nahm es ihm nicht übel und fühlte sich dadurch nicht gekränkt. Die Beziehungen zu ihrem Sohne nahm sie so, wie sie sich nun einmal herausgebildet hatten, ohne zu murren ergebungsvoll hin, sehnte sich unaufhörlich nach ihrem Nikolai und überließ sich in betreff seiner allerlei phantastischen Zukunftsträumereien. Weder von diesen Träumereien noch von ihren Klagen machte sie irgend jemandem Mitteilung. Sogar von Stepan Trofimowitsch zog sie sich anscheinend etwas zurück. Sie machte im stillen gewisse Pläne und wurde, wie es schien, noch geiziger als vorher, begann noch eifriger Geld zusammenzuscharren und über Stepan Trofimowitschs Verluste im Kartenspiel böse zu werden.
Endlich, im April des laufenden Jahres, empfing sie einen Brief aus Paris von der Generalin Praskowja Iwanowna Drosdowa, einer Jugendfreundin von ihr. Praskowja Iwanowna, mit der Warwara Petrowna während eines Zeitraumes von acht Jahren weder zusammengekommen war noch korrespondiert hatte, teilte ihr in diesem Briefe mit, daß Nikolai Wsewolodowitsch bei ihnen viel im Hause verkehre, mit Lisa (ihrer einzigen Tochter) Freundschaft geschlossen habe und die Familie im Sommer nach der Schweiz, nach Vernex-Montreux, zu begleiten vorhabe, trotzdem er in der Familie des Grafen K*** (einer in Petersburg sehr einflußreichen Persönlichkeit), der sich jetzt in Paris aufhalte, wie ein leiblicher Sohn Aufnahme gefunden habe, so daß er beinahe ganz bei dem Grafen lebe. Der Brief war kurz und ließ seinen Zweck klar erkennen, obgleich er nur die oben angeführten Tatsachen, aber keine Schlußfolgerungen aus ihnen enthielt. Warwara Petrowna überlegte nicht lange; in einem Augenblick hatte sie ihren Entschluß gefaßt, machte sich fertig, nahm ihre Pflegetochter Dascha (Schatows Schwester) mit und fuhr Mitte April nach Paris und dann nach der Schweiz. Im Juli kehrte sie allein zurück, indem sie Dascha bei Drosdows gelassen hatte; Drosdows selbst hatten, nach einer Nachricht, die sie mitbrachte, versprochen, Ende August zu uns zu kommen.
Die Drosdows waren ebenfalls eine Gutsbesitzerfamilie in unserem Gouvernement; aber der Dienst des Generals Iwan Iwanowitsch (der mit Warwara Petrowna befreundet und ein Kamerad ihres Mannes gewesen war) hatte sie beständig gehindert, jemals ihr prächtiges Gut zu besuchen. Nach dem im vorigen Jahre erfolgten Tode des Generals hatte die untröstliche Praskowja Iwanowna sich mit ihrer Tochter ins Ausland begeben, unter anderm auch in der Absicht, eine Traubenkur zu gebrauchen, die sie in der zweiten Hälfte des Sommers in Vernex-Montreux vorzunehmen gedachte. Nach ihrer Rückkehr in das Vaterland hatte sie vor, sich in unserm Gouvernement dauernd niederzulassen. In der Stadt hatte sie ein großes Haus, das schon viele Jahre leer stand und dessen Fenster mit Brettern verschlagen waren. Sie waren sehr reiche Leute. Praskowja Iwanowna, in erster Ehe Frau Tuschina, war, wie ihre Pensionsfreundin Warwara Petrowna, ebenfalls die Tochter eines Branntweinpächters der früheren Zeit und hatte ebenfalls bei ihrer Verheiratung eine große Mitgift erhalten. Der Rittmeister a.D. Tuschin war selbst bemittelt gewesen und hatte einige Fähigkeiten besessen. Bei seinem Tode vermachte er seiner siebenjährigen einzigen Tochter Lisa ein hübsches Kapital. Jetzt, wo Lisaweta Nikolajewna schon ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt war, konnte man ihr Vermögen kühn auf zweihunderttausend Rubel eigenen Geldes schätzen, ungerechnet das Vermögen, das ihr seiner Zeit als Erbschaft von ihrer Mutter zufallen mußte, die in ihrer zweiten Ehe keine Kinder gehabt hatte. Warwara Petrowna war mit dem Erfolge ihrer Reise anscheinend sehr zufrieden. Ihrer Meinung nach hatte sie sich mit Praskowja Iwanowna bereits in befriedigender Weise geeinigt, und sie teilte gleich nach ihrer Ankunft alles Stepan Trofimowitsch mit; sie war ihm gegenüber sogar sehr offen, was schon seit langer Zeit bei ihr nicht der Fall gewesen war.
»Hurra!« rief Stepan Trofimowitsch und schnippte mit den Fingern.
Er war höchst entzückt, um so mehr, da er die ganze Zeit der Trennung von seiner Freundin in größter Niedergeschlagenheit verbracht hatte. Bei ihrer Abreise ins Ausland hatte sie von ihm nicht einmal ordentlich Abschied genommen und »diesem alten Weibe« nichts von ihren Plänen mitgeteilt, vielleicht in der Befürchtung, daß er etwas weiterplaudern werde. Sie war damals auf ihn wegen eines beträchtlichen Verlustes im Kartenspiel ärgerlich gewesen, der plötzlich zutage gekommen war. Aber schon, als sie noch in der Schweiz war, hatte sie in ihrem Herzen gefühlt, daß sie den zurückgesetzten Freund bei ihrer Rückkehr belohnen müsse, um so mehr, da sie ihn schon seit längerer Zeit unfreundlich behandelt habe. Die schnelle, geheimnisvolle Trennung hatte Stepan Trofimowitschs schüchternes Herz befremdet und verwundet, und unglücklicherweise drangen gleichzeitig auch noch andere Sorgen auf ihn ein. Es quälte ihn eine recht bedeutende, schon lange bestehende pekuniäre Verpflichtung, die ohne Warwara Petrownas Beihilfe schlechterdings nicht in befriedigender Weise erledigt werden konnte. Außerdem hatte im Mai des laufenden Jahres die Tätigkeit unseres guten, milden Iwan Osipowitsch als Gouverneur endlich ein Ende genommen; er wurde durch einen Nachfolger abgelöst, und sogar nicht ohne Unannehmlichkeiten. Darauf war, ebenfalls in Warwara Petrownas Abwesenheit, die Ankunft unseres neuen Chefs, Andrei Antonowitsch v. Lembke, erfolgt; damit gleichzeitig hatte sofort auch eine merkliche Veränderung in den Beziehungen fast der ganzen höheren Gesellschaft unserer Gouvernementsstadt zu Warwara Petrowna und folglich auch zu Stepan Trofimowitsch begonnen. Wenigstens hatte er bereits mehrere unangenehme, wiewohl wertvolle Beobachtungen gemacht und war, wie es schien, so allein, ohne Warwara Petrowna, sehr ängstlich geworden. In großer Aufregung argwöhnte er, daß er dem neuen Gouverneur schon als ein gefährlicher Mensch denunziert sei. Er hatte als sicher erfahren, daß mehrere unserer Damen ihre Besuche bei Warwara Petrowna einzustellen beabsichtigten. Über die künftige Frau Gouverneur (die bei uns erst zum Herbst erwartet wurde) hieß es allgemein, sie sei zwar dem Vernehmen nach sehr stolz, aber dafür eine echte Aristokratin, »eine ganz andere Sorte als unsere unglückliche Warwara Petrowna.« Allen war es irgendwoher mit Einzelheiten glaubwürdig bekannt, daß die neue Frau Gouverneur und Warwara Petrowna schon früher einmal in der Gesellschaft einander begegnet, aber als Feindinnen voneinander geschieden seien, so daß schon die bloße Erwähnung des Namens der Frau v. Lembke auf Warwara Petrowna einen peinlichen Eindruck machen werde. Aber Warwara Petrownas mutige, siegesbewußte Miene und der geringschätzige Gleichmut, mit dem sie die Mitteilungen über die Meinungen unserer Damen und über die Aufregung der Gesellschaft anhörte, belebten die gesunkenen Lebensgeister des furchtsamen Stepan Trofimowitsch von neuem und machten ihn in einem Augenblicke wieder heiter. Mit freudiger Dienstwilligkeit und besonderem Humor begann er ihr von der Ankunft des neuen Gouverneurs zu erzählen.