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Rialla - Die Sklavin

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Rialla - Die Sklavin
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»Und ich dachte, Empathen wären so verdammt selten …«, jammerte Laeth und vollführte in bester höfischer Theatertradition eine exaltierte Geste der Verzweiflung.

Rialla sah ihn schmunzelnd an. »Dem ist auch so. Sie ist die erste, die ich jemals getroffen hab.« Nachdenklich ging sie hinüber zu den geschlossenen Fensterläden. »Was mich am meisten überraschte, war die Tatsache, dass sie selbst im Moment ihres Todes noch davon überzeugt schien, dass ihr Peiniger identisch war mit der Stimme von Altis. Man sollte doch meinen, dass eine so starke Empathin ihm auf die Schliche hätte kommen müssen, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre.«

»Ist es nicht bezeichnend, dass sowohl du als auch dieses Mädchen aus dem Osten Empathen waren?«, fragte Laeth ernst.

Darüber dachte Rialla einen Moment lang nach, bevor sie antwortete: »Ich glaube nicht. Denn ich bin mir nicht mal sicher, ob mein ehemaliger Besitzer überhaupt um meine Gabe wusste. Zuerst versuchte ich, sie vor ihm zu verbergen – und dann, nach meiner Verschleppung, habe ich das Talent nach und nach verloren.«

Sie holte tief Luft und kam wieder auf den Punkt zu sprechen, der sie beschäftigte. »Laeth, wenn er wirklich die Stimme von Altis ist, dann hat er allen Grund, die Allianzpläne zwischen Darran und Reth zu hintertreiben. Zum Beispiel, indem er deinen Bruder tötet.«

Laeth nickte. »Aber es scheint, dass er erst letzte Nacht hier eingetroffen ist, also nach dem Anschlag auf Karsten.«

»Wenn er so viel Macht besitzt, um hierher eingeladen zu werden, dann hat er auch die Macht, einen Anschlag auf Karsten zu arrangieren.« Als sie an den Giftanschlag dachte, fiel ihr etwas anderes ein, und sie schnippte mit dem Finger. »Das hatte ich dich letzte Nacht ganz vergessen zu fragen: Was weißt du über diesen Tris, den örtlichen Heiler?«

»Du meinst, abgesehen von der Tatsache, dass er die darranische Aristokratie genauso sehr schätzt wie du?« Laeth grinste ironisch, dann fuhr er ernsthafter fort: »Er traf wohl hier ein, kurz nachdem ich Westholdt den Rücken gekehrt hatte. Gestern Abend bin ich ihm zum ersten Mal persönlich begegnet, hatte bis dahin aber schon eine Menge über ihn gehört. Und wenn man nur die Hälfte dessen, was über ihn geredet wird, glaubt, dann verfügt er über nahezu göttliche Kräfte, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Und nachdem ich gestern Zeuge wurde, wie er Karsten das Leben gerettet hat, bin ich fast geneigt, mich dieser Meinung anzuschließen.«

»Er hat mich draußen angesprochen und uns seine Hilfe angeboten«, erzählte Rialla.

»Du hast ihm doch hoffentlich nicht von unserer Mission hier erzählt?«, fragte Laeth entsetzt.

Sie sah ihn gekränkt an. »Natürlich nicht. Er hat mich bei der Treppe abgepasst, um sich anzusehen, wie fest du mich geschlagen hast – zumindest glaubte ich das. Als er feststellte, dass mir kein Schaden zugefügt worden war, wurde er neugierig und stellte Fragen. Ich erzählte ihm, wer du bist, und er bot uns seine Hilfe an, wenn dies einmal nötig werden sollte. Ich nahm daher an, ihr beide hättet euch früher schon einmal getroffen.«

Laeth runzelte die Stirn, schüttelte dann den Kopf. »Nein, er kam mir kein bisschen bekannt vor, als ich ihn gestern im Bankettsaal sah. Und ich habe ein gutes Gedächtnis, was Gesichter angeht … Es heißt, er wäre mit einer der Dorfbewohnerinnen verwandt, aber er sieht überhaupt nicht wie ein Darraner aus.«

Rialla dachte an ihre Begegnung mit dem Mann. »Ich denke, er könnte ebenfalls ein Magier sein. Er hat sich sehr merkwürdig verhalten, fast, als wirke er eine Art Zauberspruch …«

»Erst Empathen, jetzt Magier«, knurrte Laeth, doch er wirkte nicht sonderlich beunruhigt. Nachdenklich strich er sich das Haar aus der Stirn. »Und was für eine Rolle, denkst du, spielt dieser Heiler in der ganzen Geschichte?«

Sie neigte den Kopf. »Keine Ahnung. Wer versteht schon Magier? Oder Heiler? Wie dem auch sei, seine Sorge schien echt zu sein, als er mein Gesicht auf Verletzungen hin untersuchte. Es ergibt für mich wenig Sinn, dass er Lord Karsten erst vergiftet haben soll, um ihm kurz darauf das Leben zu retten. Und wäre er in diesem Fall hier nicht wesentlich artiger, ja, bescheidener aufgetreten?« Sie seufzte. »Nein, ich glaube nicht, dass er gegen uns arbeitet, kann mir aber auch beim besten Willen nicht vorstellen, warum er uns unterstützen sollte – selbst wenn er von unserem Auftrag wüsste.«

»Na ja, Rialla …«, warf Laeth augenzwinkernd ein. »Hast du in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?«

Rialla schnaubte verächtlich und klang dabei fast wie eines ihrer geliebten Pferde. »Er bot seine Hilfe an, nachdem er erfahren hatte, wer du warst. Das hatte also nichts mit mir zu tun.«

Sie öffnete die Fensterläden und meinte: »Ich gehe jetzt besser runter in die Küche und kümmere mich um das Frühstück, bevor wieder alles weg ist.«

Sie huschte in die kleine Kammer, die als Umkleidezimmer diente, und warf sich eine saubere Tunika über. Gleichzeitig wechselte ihre nachdenkliche Miene zu einem indifferenten Gesichtsausdruck.

Die Flure lagen still und dämmrig da. Die meisten Adligen hatten bis spät in die Nacht hinein getanzt und würden sich erst in einigen Stunden von ihrem Nachtlager erheben. Im Schlaf waren ihre Innenwelten zugänglicher, und Rialla schnappte hier und da ein herumvagabundierendes Gefühl auf, als sie durch die Gänge schritt – tatsächlich waren es mehr Emotionen als je zuvor. Eine unbestimmte Nervosität ergriff von ihr Besitz, und sie blieb stehen. Erst jetzt erkannte sie, dass ihre Gabe seit gestern Abend noch einmal erstarkt war, als hätte die andere Empathin die alten Fesseln nicht nur durchdrungen, sondern gelockert.

Rialla schaffte es, einen Schutzschild um ihren Geist zu errichten – ein ebenfalls fast eingerostetes Talent –, um die ganzen Emotionen, die auf sie einwirkten, abzuschirmen. Sie konnte den Schutzwall jederzeit entfernen, wenn sie wollte, und die Fähigkeit, die ihr zurückgegeben worden war, weiter erforschen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie das wollte.

Nie hätte sie gedacht, dass die Rückkehr ihrer Gabe sie ebenso ängstigen würde wie deren Verlust. Sie schluckte hart und setzte sich wieder in Bewegung, wobei sie ihre äußere Gelassenheit nur mit Mühe aufrechtzuerhalten vermochte.

Rialla brachte Laeth sein Frühstück und half ihm dabei, die prunkvolle höfische Kleidung anzulegen. Als er gegangen war, machte sie sich daran, seine Gemächer aufzuräumen. Das hielt sie davon ab, sich mit unschönen Gedanken an ihren ehemaligen Besitzer herumzuquälen. Energisch legte sie Kleidungsstücke zusammen, wischte Staub und mistete dunkle Ecken aus, in denen sich aus unerfindlichen Gründen Schuhe und Kleinteile zu sammeln pflegten, auf dass sie bei ihrer Abreise nicht vergessen wurden.

Nachdem sie damit fertig war, setzte sie sich mit überkreuzten Beinen auf das Bett und ließ die Barriere fallen, die ihren Geist schützte. Dann entspannte sie sich und gab sich ganz den Gefühlen hin, die durch den Stein und das Holz der Feste quollen.

Als sie zum ersten Mal bemerkte hatte, dass die alten Narben, die ihre empathischen Fähigkeiten abschirmten, durchlässig geworden waren, hatte sie sich nackt und verletzlich gefühlt. Ein unhaltbarer Zustand. Wie sie nun auf Laeths Bett saß und feststellte, dass ihre Empathie stärker schien, als sie es seit dem Tag ihrer Versklavung je gewesen war, wartete sie fast darauf, dass auch der Schmerz wieder zurückkehrte, der seinerzeit all dies zerstört hatte. Als sie ihre Übung beendet hatte, war ihr Gewand schweißdurchtränkt, und sie stank nach der altbekannten Furcht.

Angewidert wusch sie sich mit dem Wasser, das im Krug neben dem Bett stand, und schlüpfte in eine frische Sklaventunika. Sie hatte sich das einfache Kleidungsstück gerade über die Hüften gezogen, als Laeth in den Raum platzte, um sich umzuziehen.

Er sah sie erstaunt an. »Alles in Ordnung mit dir?«

Rialla nickte und segnete Laeth im Stillen dafür, dass er nicht weiter in sie drang.

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