Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Arbogast stand hinter der Biegung der Galerie; Richard schlitterte auf ihn zu. Der Baron lächelte.»Da wird man wieder jung, Herr Hoffmann, nicht wahr? wenn man all das hier sieht. Sind Sie zum ersten Mal drin?«
Richard nickte, noch ein wenig atemlos und beschämt. Der Baron erwähnte den Brief, den er an Verwaltungsdirektor Heinsloe geschrieben und den Richard beiseite gelegt und schließlich vergessen hatte. Arbogast sprach von Sauerstoff und Wundheilung.»Atmen! Herr Hoffmann, wer leben will, muß atmen!«verkündete er in offensichtlich aufgeräumter Laune, schlug Richard vorsichtig und kameradschaftlich auf den Rücken.»Vielleicht können wir mit Sauerstoff den Krebsgeschwüren zu Leibe gehen. Mitarbeiter meines Instituts forschen an dem Problem … Eine lohnende Aufgabe. «Er trat ans Fenster, winkte Richard. Auf dem Theaterplatz hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Eine Tribüne war aufgebaut worden, die Polizei hatte einen Kordon gezogen. Barsano sprach, aber niemand schien ihm zuzuhören; die Augen der Versammelten waren auf die Oper gerichtet, bewunderten den reichen, feuerfischenden Bau.
«Jaja, die lieben Dresdner«, sann Arbogast,»sie wollen immer nur zurück. Neo-Gotik, Neo-Renaissance, Neo-Monarchien. Groß werden sie dort, wo sie etwas ›wieder‹ haben, wieder bauen können … Ihr Stil ist zusammengestohlen, eklektisch, nicht primär … und doch hat er etwas Eigenes im ganzen, und er ist auch liebenswert. Vielleicht ist das die Kunstausübung der Zukunft: Etwas noch einmal machen, wenngleich der Zeit tributzollend, wodurch das Gewesene doch ein heimlich Neues wird, womöglich auch in seinen Tiefen erkannt und somit gewürdigt werden kann. Eine Übersetzungs-Kunst, gewissermaßen … Sie verstehen? Übersetzer sind die genauesten Leser. Sagt mir Ihr Schwager. Wen interessiert die Realität, solang wir wünschen können … Diese ganze Oper hier ist ein Traum, das Nutzlose, Überflüssige in gestaltgewordener Form. Und dabei nicht billig, wie immer. Hunderte Millionen für — Seifenblasen …«
«Es sind aber sehr schöne Seifenblasen«, wagte Richard einzuwenden.
«Ja, sehr, sehr schöne«, Arbogast hüstelte,»— Seifenblasen. «Damit und kopfnickend ließ er Richard allein.
Sonderbarer Kerl! Er sah Arbogast nach. Das Stöckchen des Barons tackte auf den Fußboden, als wollte es testen, ob es darunter solid zugehe.
Anne war müde, Meno goß ihr die dritte Tasse Kaffee aus der Thermoskanne ein; sie trank hastig, gab ungeduldig Lichthupe, wenn entgegenkommende Autos zu spät abblendeten. Das regelmäßige» Bu-bumm«, wenn der Lada über eine Asphaltfuge zwischen den Betonplatten fuhr, hatte Philipp eingeschläfert, er hatte den Kopf auf Regines Schoß gelegt und wachte auch nicht auf, wenn sie durch eins der vielen Schlaglöcher hüpften, was Anne jedesmal leise fluchen ließ.
Auch Meno war unruhig. Das dunkle Land ringsum bedrückte ihn, die vereinzelten Lichter in den Ortschaften wirkten wie Periskope, die aus untermeerischen Zonen auf eine bleifarbene, nebelige See starrten; aber sie waren verlassen, so schien es Meno, sie gehörten zu einer Flotte, die in der Finsternis des Eismeers trieb, die Besatzungen hingen wie cartesianische Taucher an Atemschläuchen und schliefen betäubt. Was war nur mit diesem Land, welche Krankheit hatte es befallen … Die Zeiger auf den Uhren wälzten die Stunden vor sich her, die Zeit schien wie kalter Honig dahinzurinnen. Philipp Londoner war besorgt, aus Moskau drangen Gerüchte, widersprüchlich und undeutbar, der Kreml schien kopfzustehen, der Generalsekretär der KPdSU sollte in Agonie im Regierungskrankenhaus liegen … Meno schreckte aus seinen Gedanken, als Anne hupte: Sie fuhren hinter einem Konvoi Schwerlasttransporter, von denen Baumstämme ragten, eine Motorradeskorte versperrte die Überholspur. Nach einigen Minuten wurden sie herrisch vorbeigewinkt. Eine Motorradeskorte für einen Holztransport? Meno sah genauer hin, als sie passierten: zylindrische, vorn sich verjüngende Körper zeichneten sich unter den Planen ab; am Steuer der Sattelschlepper saßen Soldaten der sowjetischen Armee.
«Raketentransport«, unterbrach Hans das Schweigen,»das sind SS-20-Raketen, getarnt als Langholzfuhren. «Er wisse das von einem Schulfreund.
«Dawai, dawai!«schrie ein Motorradfahrer.
Sie überholten und schwiegen. Meno dachte an das Ehepaar Honich, mit dem Streit und eine Art von FKK-Unbekümmertheit ins Tausendaugenhaus eingezogen waren … Jedenfalls ging es jetzt laut zu. Herr Honich machte Frühsport am offenen Fenster und bei schallender Volksmusik (»Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera …«), klopfte bei Meno, um ihn zur Ertüchtigung einzuladen (sobald das Radio ansprang, war es mit der Konzentration sowieso vorbei), er habe es nötig, wo er doch den ganzen Tag in sitzender Position verbringe; Frühsport stärke die Konzentrationsfähigkeit und mache munter … Von Menos anfangs höflicher, doch von Tag zu Tag deutlicher werdender Abwehr schien sich Herr Honich nicht beeindrucken zu lassen. Noch schlimmer aber schlug Meno die Frau auf den Magen. Sie beanspruchte, den Balkon mitnutzen zu dürfen, klingelte zur Unzeit und ließ sich auch durch Proteste nicht davon abhalten, die Balkontür aufzureißen, wodurch die Wärme im Wohnzimmer verlorenging. Meno hatte Möbel und Regale umgestellt, um die Verkleinerung der Wohnung auszugleichen, aber die entstandene verwinkelte Rückzugsecke machte Frau Honich neugierig, keine halblaut herausgepreßte Verwünschung konnte sie fernhalten; sie klopfte ans Regal, quetschte sich durch, fragte, als sie schon vor seinem Schreibtisch stand, ob sie nähertreten dürfe, lächelte dem gequälten Meno, der rasch seine Manuskripte verbarg, ins Gesicht. Was er da mache, wollte sie wissen. Er arbeite. Aber woran? Etwa an Lürik (sie zerrte das Ypsilon wie ein Gummitier nach unten), an Gedichten? Oh ja, natürlich an Gedichten, wie schön; aber die brauche er doch nicht vor ihr zu verstecken, sie finde Gedichte schau (nach diesem Backfischausdruck bückte sich Meno, um seine Wut zu bezähmen), ob er nicht … Oh ja! rief sie, er sei doch ein Fachmann, er verstehe etwas davon, er könne ihr bestimmt beibringen, wie man Gedichte schreibe! Das sei schon lange ihr Wunsch, und nun habe sie jemanden getroffen, noch dazu in unmittelbarer Nachbarschaft, wenn das nichts zu bedeuten habe, neckte sie und drohte ihm schelmisch mit dem Finger. Sie wolle es lernen.
Am nächsten Tag hatte Meno die Kohleninsel angerufen und sich beschwert. Jedoch: Nach Satzung sowieso, war ihm erklärt worden, habe die Bürgerin Honich das Recht, den Balkon in seiner Wohnung mitzunutzen, und er dürfe ihr, wenn sie von diesem Recht Gebrauch zu machen wünsche, den Zutritt in die Wohnung nicht versperren. Warum es immer wieder Schwierigkeiten mit den Bewohnern der Mondleite Zwei gebe; man habe kein Verständnis dafür!
Ingenieur Stahl meinte, daß man sich wehren müsse, und drehte den Honichs regelmäßig die Sicherungen heraus. Dann saßen sie im Dunkeln, und die Schlagermusik (Oberhofer Bauernmarkt, Regina Thoss, Dorit Gäbler) trudelte zu Boden. Im Gegenzug drohte Herr Honich Ingenieur Stahl mit einer Klage, weil er Deutschlandfunk höre und wiederholte Aufforderungen, sich am sozialistischen Wettbewerb zu beteiligen, wiederholt mit Vergleichen aus der Tierwelt beantwortet habe; seine Frau Babett sei Zeugin!
«Du bist so in Gedanken, Mo.«