Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Für Rob bestellte sie eine schöne graue Hose und einen Kittel. Obwohl er gegen diese Verschwendung protestierte, kaufte sie ihm zwei schwarze Arztgewänder, eines aus leichtem, ungefüttertem Stoff für den Sommer, das andere dicker und mit einer mit Fuchsfell verbrämten Kapuze. Er hatte seinen buschigen Bar., zu einem Spitzbart zurechtgestutzt und kleidete sich westlich. Seit sie sich auf der Rückreise einer Karawane angeschlossen hatten, gab es keinen Jesse ben Benjamin mehr. An seiner Stelle reiste Robert Jeremy Cole, ein Engländer, der seine Familie nach Hause brachte.
Die immer sparsame Mary hatte den Kaftan behalten und verwendete das Material, um daraus Kleidung für ihre Söhne zu schneidern. Rob James' abgelegte Sachen hob sie für Tarn auf, obwohl dies schwierig war, weil Rob James für sein Alter sehr groß war und Tarn etwas kleiner als die meisten Jungen, zumal er während ihrer Reise nach dem Westen schwer erkrankt war. In der Bischofsstadt Freising waren beide Kinder von einer schweren Halsentzündung mit tränenden Augen befallen worden. Sie bekamen so hohes Fieber, daß Mary die schreckliche Angst hatte, sie könne ihre Söhne verlieren. Die Kinder hatten tagelang gefiebert; bei Robert James war keine sichtbare Schädigung zurückgeblieben, aber die Krankheit hatte sich in Tams linkem Bein festgesetzt, das blaß wurde und leblos wirkte. Die Familie Cole war mit einer Karawane nach Freising gekommen, die bald weiterziehen sollte, und der Karawanenleiter erklärte, er könne die Genesung der Kinder nicht abwarten. »Geht zum Teufel«, hatte ihm Rob zugerufen, weil sein Sohn Pflege brauchte und diese auch erhalten sollte. Er machte Tarn feuchtwarme Umschläge auf das Bein und schlief so gut wie nie, um sie ständig zu wechseln. Er umfaßte das kleine Bein mit seinen großen Händen, bog das Knie und massierte die Muskeln immer wieder, drückte, knetete und rieb das Bein mit Bärenfett ein.
Tarn erholte sich, aber nur langsam. Er hatte, ein Jahr bevor die Krankheit ihn befiel, zu gehen begonnen. Nun mußte er wieder kriechen und krabbeln, und als er diesmal die ersten Schritte wagte, geriet er aus dem Gleichgewicht, da das linke Bein ein wenig kürzer war als das rechte.
Sie warteten in Freising beinahe zwölf Monate auf Tams Genesung und dann auf eine geeignete Karawane.
Obwohl er die Ostfranken niemals lieben lernte, kam Rob so weit, daß er die ostfränkischen Eigenschaften etwas milder beurteilte. Trotz seiner Unkenntnis der Landessprache waren die Kranken zu ihm gekommen, um sich behandeln zu lassen, nachdem sie gesehen hatten, mit welcher Sorgfalt und Hingabe er sein eigenes Kind pflegte. Er hörte nie auf, sich um Tams Bein zu bemühen, und obwohl der Knabe beim Gehen manchmal seinen linken Fuß ein wenig nachzog, gehörte er in London zu den lebhaftesten Kindern.
Die beiden Söhne fühlten sich in London wohler als ihre Mutter, denn sie konnte sich mit ihrer Umgebung nicht anfreunden. Sie fand das Wetter feucht und die Engländer kalt. Wenn sie auf den Markt ging, mußte sie sich davor hüten, in das lebhafte orientalische Feilschen zu verfallen, an das sie sich so sehr gewöhnt hatte. Die Leute waren hier im allgemeinen weniger freundlich, als sie erwartet hatte. Sogar Rob vermißte den blumigen Überschwang persischer Redegewandtheit. »Obwohl diese hübschen Schmeicheleien meist nicht ernst gemeint waren, waren sie doch sehr angenehm«, erinnerte er sich wehmütig. Den beiden kam London wie ein schwarzer Morast vor, in dem sie knöcheltief standen. Der Vergleich war nicht zufällig, denn die Stadt roch schlimmer als jeder Sumpf, den sie auf ihren Reisen gesehen hatten.
Als sie Konstantinopel erreicht hatten und Mary sich wieder inmitten einer mehrheitlich christlichen Bevölkerung befand, hatte sie sich von einer Kirche in die nächste gestürzt, aber das hatte jetzt seinen Reiz verloren. Sie fand Londons Kirchen angsteinflößend. Es gab in London viel mehr Kirchen als in Isfahan Moscheen, über hundert an der Zahl. Sie überragten alle anderen Gebäude - London war eine zwischen Kirchen erbaute Stadt -, und sie lärmten ständig mit einer dröhnenden Stimme, bei der Mary erzitterte. Für Mary symbolisierten die Glocken die Stadt. Und sie haßte diese vermaledeiten Glocken.
Der erste Mann, der aufgrund des neuen Schildes an ihre Tür klopfte, war kein Patient. Er war schmächtig, ging leicht gebückt und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen.
»Nicholas Hunne, Medicus«, stellte er sich vor, neigte seinen kahl werdenden Kopf zur Seite wie ein Spatz und wartete auf die Reaktion. »Von der Thames Street«, fügte er bedeutungsvoll hinzu. »Ich habe Euer Schild gesehen«, sagte Rob. Er lächelte. »Ihr ordiniert am anderen Ende der Thames Street, Master Hunne, und ich lasse mich jetzt hier nieder. Zwischen uns leben genügend leidende Londoner, um ein Dutzend fleißiger Ärzte zu beschäftigen.« Hunne schniefte. »Nicht so viel Kranke, als Ihr vielleicht annehmt. In London sind die Ärzte dicht gesät, und meiner Ansicht nach böte eine etwas abseits liegende Stadt bessere Möglichkeiten für einen Arzt, der gerade beginnt.«
Als er fragte, wo Master Cole ausgebildet worden sei, log Rob wie ein Teppichhändler und behauptete, er habe sechs Jahre lang im ostfränkischen Königreich studiert. »Und was werdet Ihr berechnen?« »Berechnen?«
»Ja. Honorare, Mann. Eure Behandlungskosten!« »Darüber habe ich eigentlich noch nicht nachgedacht.« »Das müßt Ihr aber sofort tun. Ich sage Euch, was hier üblich ist, denn es wäre unangebracht, wenn ein Neuankömmling die ortsansässigen Ärzte unterböte. Die Honorare sind je nach der Vermögenslage des Patienten verschieden - natürlich gibt es keine Grenze nach oben. Doch dürft Ihr nie weniger als vierzig Pence für eine Venenöffnung verlangen, denn der Aderlaß ist die Haupteinnahmequelle unseres Gewerbes, und auch nicht weniger als sechsunddreißig Pence für eine Harnuntersuchung.«
Rob wurde nachdenklich, denn diese Honorare lagen skrupellos hoch. »Ihr sollt Euch nicht um das Gesindel kümmern, das an den Enden der Thames Street wohnt. Die haben ihre Baderchirurgen. Es wird auch nicht von Erfolg gekrönt sein, sich dem Adel anzubieten, denn der wird von einigen wenigen Ärzten betreut: Dryfield, Hudson, Simpson und diese Leute. Aber die Thames Street bietet eine große Auswahl an reichen Kaufleuten. Ich habe mir angewöhnt, die Bezahlung zu verlangen, bevor ich mit der Behandlung beginne, da ist die Angst der Kranken am größten.« Er warf Rob einen listigen Blick zu. »Unsere Konkurrenz kann durchaus ihre guten Seiten haben, denn ich habe festgestellt, daß es Eindruck macht, wenn ich einen zweiten Medicus hinzuziehe, falls der betreffende Patient wohlhabend ist. Wir könnten einander häufig und einträglich unter die Arme greifen, wie?«
Rob ging zur Tür, um ihn hinauszubegleiten. »Ich ziehe es meist vor, allein zu arbeiten«, entgegnete er kalt.
Der andere wurde rot, denn die Ablehnung war unmißverständlich. »Dann könnt Ihr zufrieden sein, Master Cole.
Ich werde Eure Ansichten verbreiten, und kein anderer Medicus wird in Eure Rufweite kommen.« Er nickte kurz und verschwand.
Es kamen Kranke, aber nicht allzu viele.
Das ist zu erwarten gewesen, sagte sich Rob. Ich bin ein neuer Fisch in einem fremden Meer, und es wird Zeit erfordern, bis ich mich eingeführt habe. Besser, man wartet, als man bedient sich der schmutzigen Praktiken von Leuten vom Schlag eines Hunne. Inzwischen lebte er sich ein. Er besuchte mit seiner Frau und seinen Kindern die Familiengräber, und die kleinen Jungen spielten zwischen den Grabsteinen auf dem St.-Botolphs-Friedhof.
Er fand auf dem Cornhill eine Taverne, die ihm zusagte. Sie hieß »The Fox« und war ein Wirtshaus von der Art, bei der sein Vater Zuflucht gesucht hätte, als Rob noch ein Junge war. Dort mied er das Metheglin und trank nur braunes Ale. Einmal entdeckte er einen Bauunternehmer namens George Markham, der mit Robs Vater Mitglied der Zimmermannszunft gewesen war.