Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Rachel verzog das Gesicht und sagte etwas, das abfäl-lig klang, aber da Lea es nicht verstand, begnügte sie sich damit, ihrer Schwester einen warnenden Blick zuzuwerfen. Vorhin am Tor hatte die Angst auch ihr beinahe das klare Denken geraubt, doch nun war sie guten Mutes, denn sie hatten die erste und vielleicht schwerste Etappe ihres Weges nach Hartenburg hinter sich gebracht. Wenn Rachel sich zusammenriss und sie nicht in Gefahr brachte, konnten sie in vier, fünf Tagen zu Hause sein.
Da Elieser sich unruhig herumwarf und vor Schmerzen wimmerte, schritt Lea kräftig aus, damit er so bald wie möglich in ärztliche Behandlung kam. Rachel, die nicht gewohnt war, barfuß zu laufen, jammerte vor sich hin, denn es fiel ihr schwer, mit ihrer Schwester Schritt zu halten. Sie wagte es aber nicht, sich zu beschweren, denn sie hatte schmerzhaft feststellen müssen, dass Lea nicht mehr so langmütig war wie früher.
5.
Die Straße war in einem so schlechten Zustand, dass Lea Rachel schließlich mit Drohungen zwang, ihr zu helfen, den Karren um die schlimmsten Schlaglöcher herumzulenken.
Später mussten sie beide sich über lange Strecken mit dem ganzen Gewicht gegen das Holz stemmen, um das Gefährt die Hänge hinaufzuschieben und zu verhindern, dass es ihnen bergab davonrollte oder umkippte. Eine Weile folgte der Weg dem Lauf der Sarn, dann bog er in eine Hügelkette ab, die dichter Wald bedeckte. Nach der schweißtreibenden Hitze der offenen Uferlandschaft: erwies sich das kühle Dämmerlicht unter den Baumkronen zunächst als recht angenehm, bald aber wurden die Schatten und die Stille den beiden Mädchen unheimlich. Sie sahen sich immer wieder ängstlich um, doch die Bewegungen, die sie wahrzunehmen glaubten, stammten von Zweigen oder lang herabhängenden Moosbärten, die im Wind schaukelten.
Lea und Rachel waren nicht die einzigen Reisenden auf der Straße. Hin und wieder vernahmen sie das Knirschen großer, eisenbereifter Wägen und das Knallen der Peitschen, und kurze Zeit später forderten Fuhrleute sie mit barschen Stimmen auf, den Weg freizugeben, und einige Male sahen sie sich den neugierigen Blicken einzelner Wanderer oder kleiner Gruppen ausgesetzt. Zu ihrer Erleichterung kümmerte sich jedoch kaum jemand um einen jungen Burschen, der mit seiner Schwester und einem alten Handkarren seiner Wege zog, und allzu Neugierige wehrte Lea mit einem Hinweis auf »Meinrads« anste-
ckende Krankheit ab. Diese Auskunft trug ihnen jedoch noch eine Menge Ärger ein, denn als sie am Nachmittag völlig entkräftet eine Herberge erreichten und um ein Nachtlager baten, wies der Wirt sie heftig schimpfend ab.
»Macht, dass ihr weiterkommt! Oder glaubt ihr, ich will die Seuche im Haus haben?«
Lea blickte den Mann flehend an. »Wir sind so matt, dass wir kaum noch einen Schritt vor den anderen setzen können. Bitte gebt uns einen Krug Wein und etwas Brot, oder lasst uns wenigstens den Wasserschlauch am Brunnen auffüllen.«
»Nichts da! Ich hole mir nicht wegen ein paar Heller die Pest an den Hals. Verschwindet, sonst mache ich euch Beine!« Der Wirt rief nach einem Knecht, der mit einer Forke in der Hand auf Lea zukam, als wollte er sie aufspießen.
Sie hob erschrocken den Karren an und schob ihn weiter, so schnell sie konnte. Als sie die Scheune, die sich an die Herberge anschloss, schon fast hinter sich gelassen hatten, öffnete sich eine Luke in der Wand, und eine junge Magd sprang ins Freie. Sie hielt einen Weinschlauch, einen verbrannt aussehenden Leib Brot und eine Wurst in der Hand.
»Für einen halben Groschen könnt ihr das hier haben.«
Lea stellte den Karren ab, kramte die verlangte Summe aus dem Beutel und hielt sie der Frau hin. Die Magd schien Übung in solchen Geschäften zu haben, denn sie brachte es fertig, gleichzeitig das Geld an sich zu nehmen und Lea die Lebensmittel in die Arme zu drücken. Dann flüsterte sie ihr noch zu, dass nur wenige Schritte hinter einer vom Blitz getroffenen Eiche eine Quelle zu finden sei, und kletterte so flink wie ein Eichhörnchen in das Gebäude zurück. Lea überlegte einen Augenblick, warum die Frau ihnen geholfen hatte, und kam zu dem Schluss, dass sie die Unfreundlichkeit des Wirts wohl öfters ausnutzte, um sich eine kleine Mitgift zu verdienen. Da die Magd dabei aber Gefahr lief, als Diebin angeklagt, ausgepeitscht und gebrandmarkt zu werden, musste ihre Tat doch ein Werk der Barmherzigkeit sein.
»Der Gott Abrahams, Isaaks und Israels vergelte es dir«, flüsterte Lea, während sie die Sachen im Wagen verstaute und ihn weiterschob.
Als sie an der vom Blitz gespaltenen Eiche vorbeikamen, stellte Lea den Karren wieder ab und griff nach dem leeren Wasserschlauch, um ihn an der Quelle zu füllen. Sie hatte jedoch noch keine zwei Schritt zurückgelegt, da begann Rachel zu greinen wie ein kleines Kind, denn sie hatte Angst, allein bei Elieser zurückbleiben zu müssen. Lea schloss die Augen, ballte die Fäuste und atmete mehrmals tief durch, um ihren Zorn zu bändigen, und für einen Augenblick verstieg sie sich zu dem Wunsch, sie hätte ihre Schwester gar nicht erst zu Gretchen mitgenommen. In ihrem Egoismus machte Rachel nicht nur ihr das Leben schwer, sondern gefährdete auch Elieser, der jetzt mit aufgesprungenen Lippen vor sich hinweinte, weil sie den größten Teil des Wassers aus dem Schlauch für sich beansprucht hatte. Dann dachte Lea daran, was die Mörder ihres Vaters ihrer Schwester angetan hätten, und bekam ein schlechtes Gewissen.
Sie biss die Zähne zusammen und deutete auf eine Gruppe Wanderer, die den Weg hinaufkamen. »Willst du die Leute dort auf uns aufmerksam machen? Pass auf: Wenn dir einer von denen zu nahe kommt, hustest du zum Gotterbarmen, als wärest du schwer krank, sagst aber kein Wort. Hast du mich verstanden?«
Rachel schüttelte den Kopf und protestierte heftig, verstummte aber, als ihre Schwester sich ohne weiteren
Kommentar umdrehte und in das Halbdunkel zwischen den Büschen hineintauchte.
Schon nach wenigen Schritten vernahm Lea das Geräusch fließenden Wassers und traf auch bald auf ein winziges Rinnsal, das aus einer kaum mannshohen Felswand austrat, über ein paar Steine sprang und sich im sumpfigen Waldboden verlor. Das Wasser war kalt und tat gut. Nachdem Lea genug getrunken hatte, füllte sie den Schlauch und lief zurück zur Straße, wo Rachel sich von einem heftigen Hustenanfall geschüttelt an den Karren klammerte.
Die Wanderer waren den beiden Kranken in weitem Bogen ausgewichen und kamen langsam außer Sicht. Als Lea keine fremden Blicke mehr auf sich gerichtet sah, nutzte sie das rasch schwindende Tageslicht, um Elieser zu säubern, seine Verbände zu erneuern und ihm mit Wasser gemischten Wein und den Rest der kalten Suppe einzuflößen. Zu ihrer nicht geringen Freude hatte der Junge immer noch Hunger, und so tauchte sie ein Stück des noch warmen Brotes in den Wein und fütterte ihn damit. Sie selbst begnügte sich mit zwei, drei Bissen und gab auch Rachel, die Gretchens Brot fast alleine aufgegessen hatte, nur ein kleines Stück ab. Die Wurst, die aus Schweineblut und Grieben gemacht war, warf sie nicht ohne Bedauern tief ins Gebüsch.