Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Der Arzt aller Ärzte nickte.
»Ich bete, daß meine Diagnose falsch ist«, fügte Rob hinzu. Ibn Sina schenkte ihm ein sanftes Lächeln. »Beten kann nie schaden.« Rob sagte, er würde ihn gern bald besuchen und einen Abend beim Spiel des Schahs mit ihm verbringen, worauf der alte Mann erklärte, Jesse ben Benjamin sei in seinem Haus immer willkommen.
Grüne Melonen
An einem trockenen, staubigen Tag gegen Ende des Sommers tauchte aus dem Dunst im Nordosten eine Karawane von hundertsechzehn Kamelen auf. Ein Mann namens Khendi, der oberste Treiber der Karawane, wurde in den Palast gerufen, um dem Schah persönlich die Einzelheiten seiner Nachrichten vorzutragen.
Vor mehreren Monaten war Mahmud, der Sultan von Ghazna, schwer erkrankt. Er hatte Fieber und so viel Eiter in der Brust, daß sich eine breite, weiche Schwellung auf seinem Rücken bildete. Sein Arzt hatte entschieden, daß der Eiter aus dieser Geschwulst abgezogen werden müsse, wenn Mahmud am Leben bleiben wolle.
Die anwesenden Höflinge stellten Khendi eine Menge Fragen. »Euer Gnaden, ich bin Anführer der Treiber und kein hakim!« rief er verzweifelt. »Ich kann keine dieser Fragen beantworten. Ich weiß nur eines.«
»Und zwar?«
»Drei Tage nachdem sie ihn aufgeschnitten hatten, war der Sultan von Ghazna tot.«
Alä und Mahmud waren zwei junge Löwen gewesen. Beide waren früh als Nachfolger eines starken Vaters auf den Thron gekommen, und einer hatte den anderen im Auge behalten, denn sie wußten, daß sie eines Tages aneinandergeraten würden und daß Ghazna Persien oder Persien Ghazna verschlingen würde.
Doch dazu war es nie gekommen. Sie hatten einander vorsichtig umkreist, und gelegentlich hatten ihre Streitkräfte kleine Geplänkel ausgetragen, aber jeder hatte gewartet, weil er spürte, daß die Zeit für einen richtigen Krieg noch nicht gekommen war. Doch der Schah hatte
oft von Mahmud geträumt. Immer war es der gleiche Traum, bei dem ihre Armeen zusammengezogen und kampfbegierig warteten und Alä allein auf Mahmuds wilde afghanische Stämme zuritt, um dem Sultan die Aufforderung zum Einzelkampf zuzurufen, so wie Ardashir einst Ardewan herausgefordert hatte, damit der Überlebende als wahrer, erwiesener König der Könige regieren konnte.
Nun hatte Allah eingegriffen, und der Shahansha würde Mahmud nie im Kampf gegenüberstehen. In den vier Tagen nach der Ankunft der Kamelkarawane kehrten drei erfahrene und verläßliche Spione einzeln nach Isfahan zurück. Sie verbrachten einige Zeit im Hause des Paradieses, und aus ihren Berichten gewann der Schah allmählich ein klares Bild über die Vorgänge in der Hauptstadt von Ghazna. Unmittelbar nach dem Tod des Sultans hatte Mahmuds Sohn Muhammad versucht, den Thron zu besteigen, war aber von seinem Bruder Abu Said Masüd daran gehindert worden, einem jungen Krieger, hinter dem das gesamte Heer stand. Innerhalb von Stunden war Muhammad ein gefesselter Gefangener, und Masüd war zum Sultan erklärt worden. Mahmuds Begräbnis wurde zu einem barbarischen Ereignis: teils ein grimmiger Abschied und teils eine wilde Feier. Als es zu Ende war, hatte Masüd seine Stammeshäuptlinge zusammengerufen und erklärt, daß er tun würde, was sein Vater nie getan hatte: Das Heer erfuhr, daß es schon in wenigen Tagen gegen Isfahan marschieren würde.
Das war eine Nachricht, die Alä endlich veranlaßte, das Haus des Paradieses zu verlassen.
Die geplante Invasion war ihm aus zwei Gründen nicht unwillkommen. Masüd war ungestüm und unerfahren, und Alä freute sich auf die Gelegenheit, seine Feldherrnkunst gegen die dieses unreifen Bürsch-chens auszuspielen.
Er hielt militärische Besprechungen ab, die zu kleinen Feiern wurden, mit Wein und Frauen, die zur richtigen Zeit erschienen, wie in alten Zeiten. Alä und seine Befehlshaber brüteten über ihren Karten und sahen, daß es von Ghazna nur eine Route nach Isfahan gab, die für eine große Streitmacht geeignet war. Masüd mußte die Lehmhügel und Vorberge nördlich der Dasht-i-Kavir überqueren und die große Wüste umgehen, bis sein Heer sich tief in Hamadhän befand. Von dort würden sie sich nach Süden wenden.
Alä beschloß, daß sein Heer nach Hamadhän marschieren und sich ihnen dort stellen sollte, bevor sie sich auf Isfahan stürzen konnten.
Die Vorbereitungen des Feldzugs Aläs waren der einzige Gesprächsstoff, dem man nicht einmal im maristan entgehen konnte, obwohl Rob es versuchte. Er dachte nicht an den bevorstehenden Krieg, weil er nicht an ihm teilnehmen wollte. Seine Schuld Alä gegenüber, so beträchtlich sie auch gewesen sein mochte, war bezahlt. Der Einsatz in Indien hatte ihn davon überzeugt, daß er nie wieder Soldat spielen wollte. Er machte sich also Sorgen und wartete auf eine königliche Aufforderung, die nicht kam.
Inzwischen arbeitete er schwer. Qasims Unterleibsschmerzen waren wieder verschwunden; zur Freude des ehemaligen Treibers verschrieb ihm Rob weiterhin eine tägliche Portion Wein, schickte ihn aber zu seinen Pflichten im Leichenhaus zurück. Rob sah sich mit mehr Patienten denn je konfrontiert, denn al-Juzjani hatte viele Aufgaben des Arztes aller Ärzte übernommen und einen Teil seiner Patienten Rob überantwortet.
Rob erfuhr zu seiner Verwunderung, daß Ibn Sina sich freiwillig als Leiter des Ärztekontingents gemeldet hatte, das Aläs Heer Richtung Norden begleiten sollte. Al-Juzjani, der seinen Groll überwunden hatte oder zumindest verbarg, berichtete es ihm. »Ein Frevel, eine solche Persönlichkeit in den Krieg zu schicken!« Al-Juzjani zuckte mit den Achseln. »Der Meister möchte noch einen letzten Feldzug mitmachen.« »Er ist alt und wird ihn nicht überleben.«
»Er hat schon immer alt ausgesehen, ist aber noch nicht einmal sechzig.« Al-Juzjani seufzte bekümmert. »Er hofft wahrscheinlich, daß ihn ein Pfeil oder Speer treffen wird. Es wäre keine Tragödie, einen rascheren Tod zu erleiden als den, mit dem er zu rechnen hat.« Ibn Sina verlautbarte bald, daß er eine Gruppe von elf Chirurgen ausgewählt habe, die mit ihm die persische Armee begleiten würden. Nun erhielt al-Juzjani den Titel Arzt aller Ärzte verliehen. Es war eine grausame Beförderung, weil sie der Ärzteschaft klarmachte, daß Ibn Sina nicht mehr ihr Leiter war.
Zu Robs Überraschung und Bestürzung übertrug man ihm einige der Pflichten, die al-Juzjani von Ibn Sina übernommen hatte, obwohl es
erfahrenere Ärzte gab, die al-Juzjani hätte dazu bestimmen können Auch waren fünf von den zwölf Ärzten, die zum Heer gingen, Lehrer und man erwartete nun von ihm, daß er öfter eine Vorlesung hielt und unterrichtete, wenn er seine Patienten im maristan besuchte. Außerdem wurde er zum ständigen Mitglied der Prüfungskommission ernannt und ersucht, im Komitee mitzuwirken, das die Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus und Schule überwachte. Die erste Zusammenkunft des Komitees, bei der er anwesend war, fand in dem prächtigen Haus von Rotun ben Nasr, dem Leiter der Schule, statt. Es war eine ehrenamtliche Tätigkeit, und Rotun gab sich nicht die Mühe, der Versammlung beizuwohnen, aber er hatte sein Haus zur Verfügung gestellt und angeordnet, daß den teilnehmenden Ärzten eine ausgezeichnete Mahlzeit aufgetischt wurde.
Der erste Gang bestand aus Schnitten von großen Melonen mit grünem Fleisch, das von besonderem Geschmack und zarter Süße war. Rob hatte solche Melonen nur einmal zuvor gegessen und wollte eine Bemerkung darüber machen, als sein ehemaliger Lehrer Jalal-al-Din grinsend meinte: »Wir können der neuen Frau Rotun ben Nasrs für die köstlichen Früchte danken.« Rob verstand nichts.
Der Knocheneinrichter zwinkerte. »Rotun ben Nasr ist General und ein Vetter des Schahs, wie Ihr vielleicht wißt. Alä war vorige Woche hier zu Besuch, um den Feldzug zu planen, und dabei hat er zweifellos die jüngste Frau des Hauses kennengelernt. Sobald der königliche Samen versenkt ist, folgen immer als Geschenk Aläs besondere Melonen. Und wenn der Samen einen männlichen Sproß treibt, dann gibt es als fürstliches Geschenk einen Teppich mit dem Samaniden-Wappen.«