Passagier nach Frankfurt
- Автор: Кристи Агата
- Язык: немецкий
- Жанр: Классические детективы
Электронная книга - «Passagier nach Frankfurt». Краткое содержание книги:
Hachette Collections
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel PASSENGER TO FRANKFURT
© 1970 Agatha Christie Limited, a Chorion Company.
All rights reserved.
Passagier nach Frankfurt
Übersetzung von Leonie Bubenheim.
Copyright © 2008 Hachette Collections
«Ich denke, das ist eine gute Idee von dir, Tante Matilda», sagte Sir Stafford Nye, als er ihre angenehm parfümierte, faltige, blassrosa Wange küsste. «Und wie geht es dir, meine Liebe?»
«Nun, ich bin alt», sagte Lady Matilda Cleckheaton. «Ja. Ich bin alt. Natürlich weißt du nicht, wie es ist, alt zu sein. Eins kommt zum anderen, Rheumatismus, Arthritis, ein schlimmer Asthmaanfall, eine Halsentzündung oder ein verstauchter Knöchel. Etwas ist immer, weißt du. Nichts Wichtiges. Aber so ist es. Warum kommst du mich besuchen, mein Lieber?»
Sir Stafford war ein wenig überrascht von der Direktheit dieser Frage.
«Ich besuche dich für gewöhnlich immer, nachdem ich von einer Auslandsreise zurückgekehrt bin.»
«Du musst deinen Stuhl näher rücken», sagte Tante Matilda. «Ich bin ein bisschen schwerhöriger als bei unserem letzten Zusammentreffen. Du siehst anders aus… Warum siehst du anders aus?»
«Weil ich braun gebrannt bin. Du hast es selbst gesagt.»
«Unsinn, das habe ich überhaupt nicht gemeint. Sag mir nicht, dass es endlich eine Frau in deinem Leben gibt.»
«Eine Frau?»
«Nun, ich hatte es immer im Gefühl, dass es eines Tages so kommen würde. Das Problem ist, du hast zu viel Sinn für Humor.»
«Warum glaubst du das?»
«Nun, das ist es, was die Leute über dich denken. Dein Humor steht dir auch bei deiner Karriere im Wege. Weißt du, du bist mit all diesen Leuten in Kontakt. In Diplomatie und Politik. Was man so junge Staatsmänner und ältere Staatsmänner und auch mittelalte Staatsmänner nennt. Und all die verschiedenen Parteien. Wirklich, ich finde es höchst albern, zu viele Parteien zu haben. Zuerst einmal diese schrecklichen, schrecklichen Labour-Leute.» Sie streckte ihre konservative Nase in die Höhe. «Als ich ein junges Mädchen war, gab es auch nicht im Entferntesten eine Labour-Partei. Niemand hätte verstanden, was damit gemeint war. Sie hätten es als ‹Unsinn› bezeichnet. Schade, dass es keiner war. Dann sind da natürlich die Liberalen, aber die sind furchtbar schlapp. Und dann sind da die Tories oder die Konservativen, wie sie sich jetzt wieder nennen.»
«Und was ist mit denen los?», fragte Stafford Nye und lächelte sanft.
«Zu viele ernsthafte Frauen. Das nimmt ihnen den Frohsinn, weißt du.»
«Nun, keine politische Partei setzt heutzutage besonders auf Frohsinn.»
«Eben», sagte Tante Matilda. «Und deshalb machst du einen Fehler. Du willst die Dinge ein wenig lockerer angehen. Du möchtest ein bisschen Frohsinn, und so nimmst du die Leute sanft auf die Schippe. Und das mögen sie natürlich nicht. Sie sagen ‹Ce n’est pas un garcon sérieux› wie der Mann beim Fischen.»
Sir Stafford lachte. Sein Blick wanderte durch den Raum. «Was schaust du dir an?»
«Deine Bilder.»
«Du willst doch nicht, dass ich sie verkaufe, oder? Alle scheinen heute ihre Bilder zu verkaufen. Wie der alte Lord Grampion, weißt du. Er hat seine Turners verkauft und auch einige seiner Vorfahren. Und Geoffrey Gouldman. All seine wunderbaren Pferdebilder. Waren sie nicht von Stubbs? Irgend so was. Wirklich, die Preise, die man erzielt!
Aber meine Bilder will ich nicht verkaufen. Ich mag sie. Die meisten in diesem Raum sind wirklich von Interesse, weil es Vorfahren sind. Ich weiß, dass heute keiner mehr Wert auf Vorfahren legt, aber ich bin eben altmodisch. Ich liebe Vorfahren. Meine eigenen Vorfahren natürlich. Wen siehst du da an? Pamela?»
«Ja. Ich habe neulich an sie gedacht.»
«Erstaunlich, wie sehr ihr euch ähnelt. Ihr seid ja keine Zwillinge, obwohl man sagt, dass Zwillinge bei unterschiedlichem Geschlecht nicht eineiig sein können. Sie können nicht identisch sein, wenn du verstehst, was ich meine.»
«Also muss Shakespeare bei Viola und Sebastian ein ziemlicher Fehler unterlaufen sein.»
«Nun, auch normale Brüder und Schwestern können sich ähneln, oder? Du und Pamela, ihr wart euch immer sehr ähnlich. Äußerlich zumindest.»
«In anderer Hinsicht nicht? Denkst du nicht, wir waren uns auch ähnlich im Charakter?»
«Nein, nicht im Mindesten. Das ist das Interessante daran. Aber natürlich hatten Pamela und du das, was ich das ‹Familiengesicht› nenne. Kein Nye-Gesicht. Ich meine das Baldwen-White-Gesicht.»
Sir Stafford Nye hatte sich nie als konkurrenzfähig betrachtet, wenn es um ein Gespräch über Fragen der Genealogie mit seiner Großtante Matilda ging.
«Ich habe immer gedacht, dass Pamela und du beide nach Alexa geraten seid», fuhr sie fort.
«Wer war denn Alexa?»
«Deine Urur-, ich glaube, noch ein Ur- mehr, -Großmutter. Eine ungarische Gräfin oder Baronesse oder so was. Dein Ururgroßvater verliebte sich in sie, als er in Wien bei der Botschaft war. Ja. Ungarin. Das war sie. Auch sehr sportlich. Sie sind sportlich, die Ungarn, weißt du? Sie war Jagdreiterin, mit der Meute, sie ritt erstklassig.»
«Hängt sie auch in der Bildergalerie?»
«Sie hängt auf dem ersten Treppenabsatz. Genau über dem Ende der Treppe, ein bisschen weiter rechts.»
«Ich werde sie mir ansehen, bevor ich zu Bett gehe.»
«Warum schaust du sie dir nicht jetzt an? Und dann kannst du wiederkommen und wir können über sie sprechen.»
«Das werde ich tun, wenn du möchtest.» Er lächelte sie an.
Er rannte aus dem Zimmer und die Treppe hinauf. Ja, sie hatte scharfe Augen, die gute Matilda. Das war das Gesicht, das er gesehen hatte und an das er sich erinnerte. Nicht wegen der Ähnlichkeit mit ihm selbst, nicht einmal wegen der Ähnlichkeit mit Pamela, sondern wegen einer noch stärkeren Ähnlichkeit mit diesem Bild dort. Ein gut aussehendes Mädchen, heimgebracht von seinem Botschafter-Urururgroßvater, wenn das genug der Urs waren.
Tante Matilda konnte sich nicht mit nur ein paar davon zufrieden geben. Sie war damals ungefähr zwanzig. Die temperamentvolle junge Frau war eine meisterhafte Reiterin und tanzte göttlich, und die Männer lagen ihr zu Füßen. Aber, so wurde berichtet, sie war dem Urururgroßvater treu, ein sehr standhaftes und nüchternes Mitglied des Diplomatischen Dienstes. Sie hatte ihn in ausländische Botschaften begleitet und war dann hierher zurückgekehrt, hatte Kinder bekommen – drei oder vier, so glaubte er. Von einem dieser Kinder war die Erbschaft ihres Gesichtes, ihrer Nase und ihres Halsansatzes auf ihn und seine Schwester Pamela gekommen. Er fragte sich, ob die junge Frau, die ein Rauschmittel in sein Bier getan und ihn aufgefordert hatte, ihr seinen Umhang zu leihen, und die sich als in tödlicher Gefahr befindlich dargestellt hatte, wenn er nicht tat, was sie verlangte, vielleicht mit ihm verwandt war. Etwa eine Cousine fünften oder sechsten Grades, eine Nachfahrin der an der Wand abgebildeten Frau, die er gerade betrachtete. Vielleicht waren sie von gleicher Nationalität. Jedenfalls sahen sich ihre Gesichter ziemlich ähnlich. Wie aufrecht sie gesessen hatte in der Oper, wie gerade das Profil, das Kinn, die leicht gebogene Adlernase war. Und diese Aura, die sie umgab.
«Hast du Sie gefunden?», fragte Lady Matilda, als ihr Neffe in den weißen Salon zurückkehrte, wie sie ihr Wohnzimmer gewöhnlich bezeichnete. «Sie hat ein interessantes Gesicht, nicht wahr?»
«Ja, und sie ist auch sehr gut aussehend.»
«Es ist viel besser, interessant zu sein als gut aussehend. Aber du bist nie in Ungarn oder Österreich gewesen, oder? So jemanden würdest du wohl in Malaysia nie treffen. Sie würde niemals dort an einem Tisch herumsitzen und kleine Notizen machen oder Reden korrigieren oder so was. Sie war ein wildes Geschöpf, allen Berichten zufolge. Auch wenn sie wunderbare Manieren hatte. Sie war wie ein Wildvogel. Leider wusste Sie nicht, wann Gefahr lauert.»