Das Geheimnis des goldenen Salamanders
- Автор: Holler Renee
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: bloomoon
- Жанр: Детские и приключения
Электронная книга - «Das Geheimnis des goldenen Salamanders». Краткое содержание книги:
Die Autorin
Renée Holler wurde 1956 in Würzburg geboren. Mit acht Jahren entdeckte sie die Bücher von Enid Blyton. Von diesem Augenblick an wollte sie unbedingt Detektivin und Schriftstellerin werden. Ebenso gerne hätte sie aber auch als Archäologin nach Schätzen gegraben. Jahre später, nach ihrem Abitur, half sie tatsächlich auf einer archäologischen Ausgrabung, fand aber keine Schätze. Auf zahlreichen Reisen um die Welt lernte sie ferne Länder und Kulturen kennen. Bald darauf gelang es ihr dann auch, ihren Kindheitstraum zu verwirklichen: Sie veröffentlichte ihre ersten Kinderbücher. Detektivin wurde sie nie, stattdessen denkt sie sich spannende Krimis und Abenteuergeschichten aus. Heute lebt sie in Oxford, England.
Der Illustrator
Bernd Lehmann wurde 1982 in Köln geboren. Seine Leidenschaft fürs Zeichnen entdeckte er während des Architekturstudiums in Aachen. Er zog nach Münster und studierte dort von 2003 bis 2009 Design, mit Schwerpunkt Illustration. 2007 verbrachte er zwei Semester an der Duksung Women’s University in Seoul, Südkorea. Sein Comic Unter uns wurde von der Jury der Kinderbuchmesse in Bologna ausgewählt und ist in deren Annual 2009 zu finden.
Nach einigen Jahren in Berlin lebt Bernd Lehmann nun verheiratet und glücklich als Illustrator und Druckgrafiker in Köln.
»Natürlich kann ich mich an deinen Bruder erinnern«, erwiderte Master Smyth Jacks Frage. »Du warst ja oft genug mit ihm bei mir im Laden. Hab mich schon gewundert, dass du die letzten Male ohne ihn gekommen bist.« Dann schüttelte er teilnahmsvoll den Kopf. Auch er hatte nichts gesehen.
»Oje«, seufzte er nur. »Das ist ’ne schlimme Sache. Man hört ja jeden Tag von Kindern, die spurlos aus der Stadt verschwinden. Tut mir leid, dass dein Bruder eines der Opfer ist. Ich würde dir ja gerne weiterhelfen, wenn ich nur wüsste, wie.« Er paffte seine Pfeife und stieß Rauchringe in die Luft. »Na, hoffentlich findest du ihn bald wieder.«
Jack zog betrübt weiter. Bisher hatten seine Ermittlungen nichts gebracht. Aber er wollte nicht so schnell aufgeben. Immerhin gab es noch die Gefängnisse der Stadt, wo er nach Ned fragen könnte – oder ... Auf einmal musste er wieder an Guys verächtliche Bemerkung denken, dass sein Bruder womöglich in der Klapsmühle gelandet war. Jack musste sich auf jeden Fall dort umsehen. Und zwar noch heute.
Obwohl Bedlam, das Londoner Hospital für Geistesgestörte, außerhalb der nördlichen Stadtmauer lag, war es dorthin von St. Pauls nicht allzu weit. Tatsächlich schritt Jack schon eine halbe Stunde später durchs Bischofstor. Vor dem Stadttor war die Bebauung viel spärlicher als in der Stadt, und man konnte zwischen den Häusern grüne Felder sehen, auf denen Kühe weideten. Er ging am Wirtshaus auf der rechten Seite vorbei und blieb vor dem baufälligen Gebäude schräg gegenüber stehen. Ein qualvoller Schrei, der genau in diesem Augenblick aus dem Bau drang, ließ ihn erschaudern. Gleichzeitig wurde ihm übel, denn aus dem Graben neben ihm stieg ein unerträglicher Gestank auf. Jack hatte gehört, dass feine Herrschaften oft als Zeitvertreib die Anstalt besuchten, da Verrückte hier nicht nur aufbewahrt, sondern auch der Öffentlichkeit zur Schau gestellt wurden. Was daran so vergnüglich sein sollte, verstand der Junge allerdings nicht. Wieder erklang ein Schrei. Jack musste all seinen Mut zusammennehmen, um durchs Eingangstor zu treten.
»Einen Penny«, hielt ihn jedoch gleich darauf der Pförtner auf. Natürlich, wer die Wahnsinnigen sehen wollte, musste Eintritt bezahlen. Wie gut, dass er von der gestrigen Diebestour nicht die ganze Beute an Moll weitergegeben, sondern stattdessen für den Notfall wieder einige Münzen für sich behalten hatte. Er reichte dem Mann ein Geldstück.
»Die Stufen rechts hoch«, wies der Pförtner ihm den Weg. »Dort sind die Gefährlichen untergebracht. Die anderen dürfen sich tagsüber frei bewegen. Die sind überall.«
Um den Hof standen mehrere baufällige Gebäude. Dahinter konnte man das verwilderte Gestrüpp eines vernachlässigten Gartens erkennen. Auch der Hauptbau auf der rechten Seite hatte bessere Zeiten gesehen. Jack stieg die Stufen hoch, als erneut ein markerschütternder Schrei ertönte. Er hielt an der Schwelle kurz inne. Aus dem Halbdunkel drangen die schauerlichsten Geräusche: Etwas klirrte, eine gespenstische Frauenstimme sang ein Schlaflied, jemand laberte unverständliche Worte, jemand anderes stöhnte aufs Erbärmlichste. Jack nahm all seinen Mut zusammen und trat durch die offene Tür.
Zunächst sah er nichts als Dunkelheit. Erst als sich seine Augen ans Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte er den langen Gang erkennen, der sich vor ihm erstreckte. Auf einer Seite waren vergitterte Gucklöcher angebracht, durch die man vermutlich die Insassen beobachten konnte. Zaghaft näherte er sich. Ob Ned hier war? Durchs Gitterfenster konnte er schmutziges Stroh sehen, das auf dem Boden ausgebreitet war. Wieder stieg ihm dieser Gestank in die Nase, und er musste schlucken, um einen Würgereiz zu unterdrücken. An der Wand gleich gegenüber lag ein Mann, nur mit einem schmutzigen langen Hemd bekleidet. Er war an Füßen und Händen mit schweren Ketten an die Mauer gefesselt. Im Stroh vor ihm lag verschimmeltes Brot. Ein anderer spindeldürrer Mann, in löchrigem Hemd und Hose, spazierte im Gang auf und ab. Er verbeugte sich vor Jack und ging weiter. Gleich darauf begann der Insasse in der Zelle laut zu schreien und mit seiner Kette zu rasseln. Ned war nirgends zu sehen. Auch in den anderen Zellen konnte er ihn nicht entdecken.
Währenddessen lief eine Frau im Gang hinter Jack hin und her. Sie trug einen geflickten Rock und ein verblichenes Schultertuch. In ihren verfilzten Haaren steckte Stroh. Vermutlich gehörte sie, wie der Mann im löchrigen Hemd, zu den Insassen, die sich tagsüber frei auf dem Gelände bewegen durften. Wenn sein Bruder hier war, würde sie es sicher wissen. Doch auf Jacks Frage hin schüttelte sie nur traurig den Kopf.
»Mein Mädchen haben sie auch gestohlen.« Sie zog ihr Tuch fester um die Schultern.
»Gestohlen?«, fragte Jack. »Wer hat Euer Mädchen gestohlen?«
»Na, die Geister. Die sind überall in der Stadt. Nimm dich in Acht, mein Junge, dass sie dich nicht auch holen.«
»Welche Geister?«
Da beugte sich die Frau vor, sodass ihr Gesicht ganz nah neben seinem war und er ihren schlechten Atem riechen konnte.
»Die Geister von London. Sie schlagen immer dann zu, wenn man es nicht erwartet. Ihre Opfer sind arglose Kinder. Sie locken sie in den Hinterhalt und ...« Die Frau hielt abrupt inne. Ihre wässrigen Augen schienen plötzlich leer und abwesend. Sie hockte sich auf den Boden und wiegte ihren Körper leise summend hin und her.
»Sie locken sie in den Hinterhalt und was?«, hakte Jack nach, doch die Frau blickte nur ausdruckslos vor sich hin.
»Jetzt hat es keinen Sinn mehr, der Dame weitere Fragen zu stellen«, sagte eine Stimme dicht hinter ihm. »Wenn sie zu summen beginnt, ist sie für die nächste Zeit geistig abwesend.«
Jack musterte den Sprecher. Es konnte sich weder um einen Insassen der Anstalt noch um einen der Aufseher handeln, denn die trugen keine seidenen Westen und Spitzenkrägen. Der Mann verbeugte sich.
»Thomas Dekker«, stellte er sich vor. »Dichter und Poet.« Er strich sich mit der Hand über den Spitzbart. »Ich komme öfters hierher, um mich für neue Stücke inspirieren zu lassen.«
Jack verbeugte sich.
»Geister? Wisst Ihr vielleicht, von was sie gesprochen hat? Hat sie tatsächlich behauptet, dass Geister Kinder klauen?«
Der fremde Herr nickte.
»Ja, die Arme. Der Aufseher hat mir erzählt, dass ihre Tochter seit dem Frühjahr spurlos verschwunden ist. Da hat sie die Nerven verloren und ihr Ehemann hat sie für wahnsinnig erklärt.«
»Aber das ist doch völlig logisch, dass sie deswegen aus dem Häuschen ist. Dafür muss sie doch nicht gleich in die Klapsmühle.«
»Stimmt«, gab er zu. »Es ist grässlich. Aber das Schicksal der anderen ist nicht viel besser. Genau deswegen komme ich hierher. So viel Tragik wie in Bedlam findet man sonst nur auf der Bühne.«
»Haben Sie vielleicht ’nen kleinen Jungen gesehen«, fragte Jack aufgeregt. Wenn der Dichter tatsächlich öfter das Irrenhaus besuchte, würde er wissen, ob Ned hier war. »Er hat feuerrote Haare, genau wie ich.« Dann berichtete er dem Herrn von seinem Bruder und dass er wie das Mädchen der Verrückten verschwunden war.
Doch der Dichter schüttelte nur den Kopf. »Kinder gibt es hier keine. An deiner Stelle würde ich mich mal in Bridewell nach ihm erkundigen. Wenn die Wachen herumstreunende Kinder aufgreifen, landen die für gewöhnlich dort.«
Jack bedankte sich etwas enttäuscht, doch gleichzeitig war er froh, dass Ned nicht in diesem schrecklichen Elend gelandet war. Er blickte sich nochmals nach der Frau um, die immer noch am Boden hockte und summte.
»Viel Glück auf der Suche nach deinem Bruder«, rief ihm der Dichter noch hinterher.
Doch Jack hörte ihn bereits nicht mehr. Die Geister gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn. War es möglich, dass die Frau doch nicht verrückt war, sondern dass es tatsächlich Geister gab, die Kinder klauten? Hatten sie vielleicht auch seinen Bruder geholt? Nein, das war lächerlich. Er musste so schnell wie möglich hier raus, bevor das ewige Stöhnen und Klagen auch ihn in den Wahnsinn trieb. Die Frau ist geistesgestört, wiederholte er immer wieder. Geister gibt es nicht. Jack schwor sich noch einmal, dass er seinen Bruder finden würde. Gleich morgen würde er zurück zu St. Pauls gehen, um es erneut beim Buchladen unter dem Zeichen des schwarzen Schwans zu versuchen.