Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Переводчик: Richard Hoffmann
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Verbrechen und Strafe (Schuld und Sühne)». Краткое содержание книги:
»Nein, ich war es nicht! Ich hab es nicht genommen! Ich weiß nichts!« schrie sie mit herzzerreißender Stimme und stürzte zu Katerina Iwanowna.
Jene umfaßte sie und drückte sie fest an sich, als wollte sie sie mit eigener Brust vor allen schützen.
»Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht. Siehst du, ich glaube es nicht!« schrie (trotz aller Augenscheinlichkeit) Katerina Iwanowna, indem sie sie wie ein Kind in ihren Händen schüttelte, mit unzähligen Küssen bedeckte, nach ihren Händen haschte und sich an sie mit ihren Küssen festsog. »Du sollst etwas genommen haben! Was sind das für dumme Menschen! O Gott! Dumm, dumm seid ihr alle!« schrie sie, sich an alle wendend. »Ihr wißt ja noch gar nicht, was sie für ein Herz hat, was sie für ein Mädchen ist! Sie wird etwas nehmen, sie! Sie wird ja ihr letztes Kleid von sich werfen und verkaufen und barfuß gehen und alles hergeben, wenn ihr es braucht, ja, so ist sie! Sie hat ja auch den gelben Schein nur darum bekommen, weil meine Kinder vor Hunger zugrunde gingen: sie hat sich für uns verkauft ... Ach, du Verstorbener, Verstorbener! Ach, du Verstorbener, Verstorbener! Siehst du? Siehst du? Das ist dein Totenmahl! Gott! Schützt sie doch! Was steht ihr so da? Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht für sie ein? Glauben Sie es vielleicht auch? Ihren kleinen Finger seid ihr nicht wert, alle, alle! Mein Gott, so schütze du sie doch!«
Das Weinen der armen, schwindsüchtigen, verwaisten Katerina Iwanowna schien endlich einen starken Eindruck auf das Publikum zu machen. In diesem von Schmerz verzerrten, ausgemergelten, schwindsüchtigen Gesicht, in diesen trockenen Lippen, an denen Blut klebte, in dieser heiser schreienden Stimme, in diesem Weinen, das wie Kinderweinen klang, in diesem vertrauensvollen, kindlichen und zugleich verzweifelten Flehen um Schutz lag so viel Klägliches und Leidendes, daß alle diese Unglückliche zu bedauern schienen. Selbst Pjotr Petrowitsch zeigte sein »Bedauern«:
»Meine Gnädige! Meine Gnädige!« rief er eindringlich, »Sie berührt diese Sache gar nicht! Niemand wird sich erlauben, Sie einer Absicht oder des Mitwissens zu beschuldigen, um so mehr, als Sie selbst den Diebstahl aufdeckten, indem Sie die Tasche herauskehrten: also haben Sie gar nichts geahnt. Ich bin sogar sehr bereit, es zu bedauern, wenn sozusagen die Armut Ssofja Ssemjonowna dazu bewogen hat! Warum wollten Sie aber, Mademoiselle, nicht gestehen? Fürchteten Sie die Schande? Ist es der erste Schritt? Vielleicht waren Sie nur so bestürzt? Es ist ja begreiflich, sehr begreiflich ... Warum haben Sie sich aber auf so was eingelassen? Meine Herren!« wandte er sich an alle Anwesenden: »Meine Herren, indem ich es bedaure und sozusagen beklage, will ich es verzeihen, sogar jetzt, trotz der persönlichen Beleidigungen, die ich empfangen habe. Die heutige Schande möge Ihnen, Mademoiselle, als Lehre für die Zukunft dienen,« wandte er sich an Ssonja, »ich aber lasse die Sache auf sich beruhen und betrachte sie als erledigt. Schluß!«
Pjotr Petrowitsch schielte zu Raskolnikow hinüber. Ihre Blicke trafen sich. Der funkelnde Blick Raskolnikows wollte ihn zu Asche verbrennen. Katerina Iwanowna schien indessen nichts mehr gehört zu haben. Sie umarmte und küßte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja von allen Seiten mit ihren Händchen umklammert, und Poljetschka – die übrigens gar nicht verstand, was los war, – schien vollkommen in Tränen zu ertrinken; sie zitterte vor Schluchzen und verbarg ihr vom Weinen geschwollenes hübsches Gesichtchen an Ssonjas Schulter.
»Wie gemein!« ertönte plötzlich eine laute Stimme in der Tür.
Pjotr Petrowitsch sah sich schnell um.
»Welch eine Gemeinheit!« wiederholte Lebesjatnikow, ihm durchdringend in die Augen blickend.
Pjotr Petrowitsch fuhr sogar sichtlich zusammen. Das merkten alle. (Später erinnerten sie sich dessen.) Lebesjatnikow machte einen Schritt ins Zimmer.
»Und Sie wagten es, mich als Zeugen zu nennen?« sagte er, indem er an Pjotr Petrowitsch herantrat.
»Was soll das heißen, Andrej Ssemjonowitsch? Was meinen Sie eigentlich?« murmelte Luschin.
»Das heißt, daß Sie ... ein Verleumder sind, das bedeuten meine Worte!« sagte Lebesjatnikow erregt und sah ihn streng mit seinen kurzsichtigen Auglein an.
Er war furchtbar erbost. Raskolnikow bohrte in ihn seinen Blick, als wollte er jedes seiner Worte auffangen und abwägen. Wieder trat Schweigen ein. Pjotr Petrowitsch verlor ganz die Selbstbeherrschung, besonders im ersten Moment.
»Wenn Sie mich meinen ...« begann er stotternd. »Was haben Sie nur? Sind Sie bei Trost?«
»Ich bin wohl bei Trost, aber Sie sind ein ... Gauner! Ach, wie gemein es ist! Ich habe die ganze Zeit zugehört, ich habe absichtlich gewartet, um alles zu begreifen, denn es erscheint mir, offen gestanden, auch jetzt noch nicht ganz logisch ... Warum Sie das alles getan haben, ist mir nicht klar.«
»Was habe ich denn getan? Werden Sie vielleicht aufhören, in Ihren dummen Rätseln zu sprechen?! Oder sind Sie betrunken?«
»Sie trinken vielleicht, gemeiner Mensch, aber nicht ich! Ich trinke sogar niemals Schnaps, weil es gegen meine Überzeugung ist. Denken Sie sich nur: er hat selbst mit eigenen Händen den Hundertrubelschein Ssofja Ssemjonowna gegeben, ich sah es, ich bin Zeuge, ich will es beschwören! Er, er!« wiederholte Lebesjatnikow, sich an jeden und alle wendend.
»Sind Sie verrückt, Sie Milchbart?« kreischte Luschin. »Sie hat soeben selbst hier, vor allen bestätigt, daß sie außer den zehn Rubeln von mir nichts bekommen hat. Wie soll ich ihr dann die hundert Rubel gegeben haben?«
»Ich hab es gesehen, ich hab es gesehen!« rief eindringlich Lebesjatnikow. »Obwohl es auch gegen meine Überzeugung ist, bin ich bereit, jetzt gleich vor Gericht jeden Eid zu schwören, denn ich hab es gesehen, wie Sie ihr das Geld heimlich zugesteckt haben! Ich Dummkopf glaubte, daß Sie es ihr zusteckten, um ihr eine Wohltat zu erweisen! In der Tür, als Sie sich von ihr verabschiedeten, als sie sich wegwandte und Sie ihre Hand drückten, steckten Sie ihr mit der anderen Hand den Schein heimlich in die Tasche! Ich hab es gesehen! Ich hab es gesehen!«
Luschin erbleichte.
»Was lügen Sie!« rief er frech. »Wie konnten Sie auch, am Fenster stehend, die Banknote unterscheiden! Es ist Ihnen nur so vorgekommen ... mit Ihren blinden Augen. Sie phantasieren!«
»Nein, es ist mir nicht vorgekommen! Obwohl ich auch wirklich weit stand und obwohl man vom Fenster aus die Banknote tatsächlich schwer unterscheiden kann – da haben Sie recht, – wußte ich doch aus einem gewissen Grunde ganz sicher, daß es ein Hundertrubelschein war; denn als Sie Ssofja Ssemjonowna den Zehnrubelschein gaben, sah ich mit eigenen Augen, daß Sie gleichzeitig einen Hundertrubelschein vom Tische nahmen (das sah ich, weil ich damals in der Nähe stand; und da mir in diesem Augenblick ein gewisser Gedanke kam, vergaß ich nicht, daß Sie in der Hand eine Banknote hielten). Sie hatten sie zusammengefaltet und die ganze Zeit in der Faust gehalten. Ich vergaß es später; als Sie aber aufstanden, legten Sie die Banknote aus der rechten Hand in die linke und ließen sie dabei beinahe fallen; dies fiel mir wieder auf, weil mir wieder der gleiche Gedanke kam, nämlich, daß Sie ihr heimlich, ohne mein Wissen, eine Wohltat erweisen wollten. Sie können sich vorstellen, wie aufmerksam ich nun beobachtete, und ich sah, wie es Ihnen gelang, ihr die Banknote in die Tasche zu stecken. Ich sah es, ich sah es und will es beschwören!«
Pjotr Petrowitsch erstickte fast vor Wut. Von allen Seiten ertönten verschiedene Ausrufe, die zum größten Teil Erstaunen ausdrückten. Es wurden auch Ausrufe laut, die einen drohenden Ton hatten. Alle drängten sich um Pjotr Petrowitsch.
Katerina Iwanowna stürzte sich zu Lebesjatnikow.