Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Ach, verdammt!«, schimpfte sie. Er musste weggegangen sein. Wahrscheinlich wusste er bereits, dass die Presse dabei war, die Geschichte über den Tod seiner Schwester wieder aufzurollen, und hatte beschlossen, eine Weile zu verschwinden. Übel nehmen konnte man es ihm nicht. Die meisten Menschen mussten schlimme Ereignisse nur einmal erleben; er schien die schreckliche Geschichte der Ermordung seiner Schwester ein zweites Mal durchleben zu müssen.
Sie ging in ihre Wohnung hinunter. Die Post lag auf der Matte. Sie hob sie auf, sperrte die Tür auf und sah im Hineingehen die Briefe durch: die Telefonrechnung, ein Bankauszug, dem zu entnehmen war, dass ihr Konto dringend eine Spritze brauchte, ein Werbeschreiben von irgendeiner Firma, die Alarmanlagen vertrieb, und ein Brief von ihrer Mutter, den Libby am liebsten ungeöffnet weggeworfen hätte, weil er ja doch wieder nur eine Story über die tollen Leistungen ihrer Schwester enthalten würde. Sie riss ihn trotzdem auf, und während sie mit der einen Hand ihren Helm abnahm, schüttelte sie mit der anderen das violettfarbene Blatt Papier aus dem Umschlag.
»Haben, was man sich wünscht, sein, was man sich erträumt«, stand in schwarzer Blockschrift quer über dem Blatt. Equality Neale, Direktorin der Firma Neale Publicity, der erst kürzlich die Zeitschrift Money ihre Titelgeschichte gewidmet hatte, würde in Boston ein Seminar zum Thema Selbstbehauptung und Erfolg im Geschäftsleben leiten und es danach in Amsterdam anbieten. In einer Handschrift, die wie gestochen wirkte und den Nonnen, die sie das Schreiben gelehrt hatten, alle Ehre gemacht hätte, hatte Mrs. Neale geschrieben: Wäre es nicht schön, wenn ihr beide euch sehen könntet? Ali könnte auf der Rückreise in London Zwischenstopp machen. Wie weit ist Amsterdam von London entfernt?
Nicht weit genug, dachte Libby und knüllte die Bekanntmachung zusammen. Immerhin bewirkte der Gedanke an Ali und ihre aufreizende Tadellosigkeit, dass Libby den Kühlschrank, den sie in ihrem Frust über Gideons Unerreichbarkeit normalerweise unverzüglich angesteuert hätte, ignorierte. Tugendhaft goss sie sich ein Glas gesundes Mineralwasser ein, statt sich die sechs Käsequesadillas zu genehmigen, die sie am liebsten sofort verschlungen hätte. Während des Trinkens sah sie zum Fenster hinaus. Gleich bei der Mauer, die seinen Garten von dem des Nachbarn abgrenzte, stand der Schuppen, in dem er seine Drachen zu bauen pflegte. Die Tür war angelehnt, ein schmaler Lichtstreifen fiel durch die Öffnung ins Freie.
Sie stellte das Glas auf den Tisch und lief zur Tür hinaus, sprang die von graugrünen Flechten überzogenen Treppenstufen zum Garten hinauf. »He, Gideon!«, rief sie laut, schon auf dem Weg zum Schuppen. »Bist du da drinnen?«
Als sie keine Antwort erhielt, blieb sie irritiert stehen. Sie hatte Richard Davies' Granada draußen auf dem Platz nicht gesehen, aber sie hatte auch nicht nach ihm Ausschau gehalten. Vielleicht war der Alte wieder mal zu einem dieser peinlichen Vater-Sohn-Gespräche vorbeigekommen, die er so besonders gut drauf hatte. Und wenn er es geschafft hatte, Gideon hinreichend zu nerven, hatte der sich vielleicht zu Fuß aus dem Staub gemacht, und Richard war in diesem Moment dabei, sich dafür zu rächen, indem er die Drachenwerkstatt seines Sohnes zerlegte. Das sähe ihm ähnlich, dachte Libby, dass er Gid das Einzige im Leben, was nichts mit der blöden Geige zu tun hatte - außer dem Segelfliegen, das Richard natürlich ebenfalls unmöglich fand -, ohne mit der Wimper zu zucken ruinieren würde. Und garantiert würde er hinterher noch eine erstklassige Entschuldigung dafür liefern.
»Es hat dich von deiner Musik abgehalten, mein Junge.«
Ha, ha, dachte Libby mit wütender Geringschätzung.
In ihrer Fantasie fuhr Richard fort: Ich habe es zuvor als Hobby akzeptiert, Gideon, aber das kann ich jetzt nicht mehr. Wir müssen dafür sorgen, dass du wieder gesund wirst. Wir müssen dafür sorgen, dass du wieder spielen kannst. Du hast Konzert- und Plattenverträge, die du erfüllen musst, dein Publikum wartet auf dich.
Verpiss dich, fuhr Libby Richard Davies an. Er hat ein eigenes Leben. Ein gutes Leben. Warum siehst du nicht zu, dass du dir endlich auch eines schaffst?
Der Gedanke an eine handfeste Auseinandersetzung mit Richard - die Vorstellung, ihm endlich einmal die Meinung sagen zu können, ohne von Gideon daran gehindert zu werden -, gab Libby neuen Mut. Sie lief weiter und stieß die Tür mit einer kurzen Bewegung ganz auf.
Gideon war da, ohne Richard. Er saß an seinem provisorischen Arbeitstisch. Ein Stück Pergamentpapier war vor ihm ausgebreitet, an den Ecken mit Klebeband auf die Platte geheftet, auf das er so angespannt hinunterblickte, als hätte es ihm etwas mitzuteilen, wenn er nur lange und aufmerksam genug horchte.
»Gid?«, sagte Libby. »Hallo. Ich hab das Licht gesehen.«
Es war, als hätte er sie nicht gehört. Sein Blick blieb auf das Papier geheftet.
»Ich hab oben bei dir geklopft«, fuhr Libby fort. »Und geklingelt hab ich auch. Ich hab deinen Wagen draußen stehen sehen, da hab ich mir gedacht, dass du da bist. Und als ich dann hier draußen das Licht entdeckt hab…« Die Worte erstarben.
Immer noch das Papier fixierend, sagte er: »Du bist früh dran.«
»Ja, ich hab meine Lieferungen heute endlich mal so eingeteilt, dass ich nicht denselben Weg zweimal fahren musste.« Sie war selbst überrascht, wie routiniert sie log. Das musste sie von Rock übernommen haben.
»Es wundert mich, dass dein Mann dich nicht trotzdem zurückgehalten hat.«
»Er hat keine Ahnung davon, und ich werde mich hüten, es ihm zu verraten.« Sie fröstelte. Auf dem Boden neben ihm stand ein kleiner elektrischer Ofen, aber er war nicht eingeschaltet. »Ist dir nicht kalt ohne Pulli oder Jacke?«, fragte sie.
»Ich habe nicht darauf geachtet.«
»Bist du schon lang hier draußen?«
»Ein paar Stunden vielleicht.«
»Und was tust du? Arbeitest du an einem neuen Drachen?«
»Ja. An einem, der höher steigt als alle anderen.«
»Klingt cool.« Sie kam näher und stellte sich hinter ihn, neugierig auf seinen neuesten Entwurf. »Du könntest einen Beruf daraus machen, Gid. Keiner baut solche Drachen wie du. Sie sind echt Wahnsinn. Sie sind -«
Sie brach ab, als ihr Blick auf seinen Entwurf fiel, ein Netzwerk verwischter grauer Bleistiftflecken, wo er zu zeichnen versucht und dann radiert hatte, an manchen Stellen so heftig, dass das Papier durchgerieben war.
Er drehte sich zu ihr um, als sie nicht weitersprach. Er drehte sich so schnell herum, dass ihr keine Zeit blieb, sich zu verstellen.
»Das kann ich anscheinend auch nicht mehr«, sagte er.
»Unsinn«, entgegnete sie. »Du bist nur - blockiert oder so was. Das ist doch was Kreatives, stimmt's? Drachen bauen ist was Kreatives. Das geht allen kreativen Menschen so, dass sie hin und wieder eine Blockade haben.«
Er blickte ihr ins Gesicht und las in ihm offenbar das, was sie nicht gesagt hatte. Er schüttelte den Kopf. Er sah elend aus, so elend wie noch nie, seit er nicht mehr Geige spielen konnte. Er sah noch schlechter aus als am vergangenen Abend, als er ihr vom Tod seiner Mutter berichtet hatte. Sein helles Haar klebte strähnig und glanzlos an seinem Schädel, seine Augen schienen tief eingesunken, seine Lippen waren rissig. Alles viel zu extrem, dachte sie. Er hatte seine Mutter seit Jahren nicht gesehen, er war längst nicht so sehr an sie gebunden gewesen wie an seinen Vater.
Als wüsste er, was ihr durch den Kopf ging, und glaubte, sie korrigieren zu müssen, sagte er: »Ich habe sie gesehen, Libby.«
»Wen?«
»Ich habe sie gesehen und hatte es vergessen.«
»Deine Mutter?«, fragte Libby. »Du hast deine Mutter gesehen?«
»Ich weiß nicht, wie ich das vergessen konnte. Ich weiß nicht, wie es kommt, dass man vergisst, aber ich habe es vergessen.« Er sah Libby an, aber sie hatte den Eindruck, dass er sie gar nicht wahrnahm und nur mit sich selbst sprach.