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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Disposition zum Angriff auf die feindliche Position hinter Kobelnitz und Sokolnitz, den 30. November 1805.«

Die Disposition war sehr kompliziert und sehr schwer zu verstehen. Eine Stelle darin lautete wörtlich folgendermaßen:

»Da der Feind mit seinem linken Flügel an die mit Wald bedeckten Berge lehnt und sich mit seinem rechten Flügel längs Kobelnitz und Sokolnitz hinter die dort befindlichen Teiche zieht, wir im Gegenteil mit unserem linken Flügel seinen rechten sehr debordieren, so ist es vorteilhaft, letzteren Flügel des Feindes zu attackieren, besonders wenn wir die Dörfer Sokolnitz und Kobelnitz im Besitz haben, wodurch wir dem Feind zugleich in die Flanke fallen und ihn auf der Fläche zwischen Schlapanitz und dem Turaser Wald verfolgen können, indem wir den Defileen von Schlapanitz und Bellowitz ausweichen, welche die feindliche Front decken. Zu diesem Endzweck ist es nötig … Die erste Kolonne marschiert … die zweite Kolonne marschiert … die dritte Kolonne marschiert …« usw. So las Weyrother vor.

Die Generale hörten, wie es schien, die schwierige Disposition nur widerwillig mit an. Der blonde, hochgewachsene General Buxhöwden stand, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, da, richtete die Augen starr auf eine brennende Kerze und schien nicht zuzuhören, ja nicht einmal zu wollen, daß die anderen dächten, er höre zu. Dem lesenden Weyrother gerade gegenüber, die glänzenden, weitgeöffneten Augen unverwandt auf ihn geheftet, saß in kriegerischer Haltung, die Hände mit auswärts gekehrten Ellbogen auf die Knie gestützt, der rotwangige Miloradowitsch mit hinaufgestrichenem Schnurrbart und emporgezogenen Schultern. Er schwieg hartnäckig, sah Weyrother ins Gesicht und wandte die Augen nur dann von ihm weg, wenn der österreichische Generalstabschef einmal schwieg. In solchen Augenblicken ließ Miloradowitsch seine Augen mit ernstem Ausdruck bei den anderen Generalen umherwandern; aber ob er mit der Disposition einverstanden war oder nicht, sie billigte oder nicht, das war aus diesen ernsten Blicken nicht zu entnehmen. Am nächsten von allen bei Weyrother saß Graf Langeron; ein feines Lächeln wich während der ganzen Dauer der Vorlesung nicht von seinem südfranzösischen Gesicht; er blickte auf seine schlanken Finger, die eine goldene, mit einem Porträt verzierte Tabaksdose an den Ecken rasch herumdrehten. In der Mitte einer der längsten Perioden hemmte er die rotierende Bewegung der Dose und hob den Kopf in die Höhe; in den äußersten Winkeln seiner schmalen Lippen erschien der Ausdruck einer unangenehm wirkenden Höflichkeit; er unterbrach Weyrother und wollte etwas sagen; aber der österreichische General runzelte, ohne im Vorlesen innezuhalten, ärgerlich die Stirn und machte eine Bewegung mit den Ellbogen, wie wenn er sagen wollte: »Nachher! Nachher können Sie mir Ihre Gedanken sagen; jetzt, bitte, sehen Sie auf die Karte, und hören Sie zu.« Langeron hob mit dem Ausdruck höchster Verwunderung die Augen nach der Zimmerdecke empor und blickte dann Miloradowitsch an, wie wenn er eine Erklärung für dieses Verhalten suchte; als er jedoch dessen ernstem, aber nichtssagendem Blick begegnete, schlug er mit trüber Miene die Augen nieder und begann wieder, seine Tabaksdose herumzudrehen.

»Eine Geographiestunde«, sagte er wie für sich, aber laut genug, um gehört zu werden.

Przebyszewski bog, indem er eine respektvolle, aber würdige Höflichkeit an den Tag legte, sein Ohr mit der Hand zu Weyrother hin und gab sich das Aussehen, als höre er mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Der kleine Dochturow saß mit bescheidener, eifriger Miene Weyrother gerade gegenüber und prägte sich, über die ausgebreitete Karte gebeugt, gewissenhaft die Disposition und das ihm unbekannte Terrain ein. Ein paarmal, wenn er nicht genau verstanden hatte, bat er Weyrother, die betreffenden Worte, besonders auch schwierige Namen von Dörfern, zu wiederholen. Weyrother erfüllte seinen Wunsch, und Dochturow machte sich Notizen.

Als das Vorlesen, das mehr als eine Stunde gedauert hatte, beendet war, hielt Langeron seine Tabaksdose wieder still und bemerkte, ohne Weyrother oder sonst jemand einzeln anzusehen, es werde doch seine Schwierigkeiten haben, eine solche Disposition durchzuführen, bei der die Stellung des Feindes als bekannt vorausgesetzt werde, während sie uns vielleicht in Wirklichkeit unbekannt sei, da der Feind sich in Bewegung befinde. Langerons Einwendung war begründet; aber es war offensichtlich, daß der Hauptzweck dieser Einwendung der war, dem General Weyrother, der seine Disposition mit solcher Selbstgefälligkeit vorgelesen hatte, als ob Schulknaben vor ihm säßen, zum Bewußtsein zu bringen, daß er nicht etwa lauter Dummköpfe, sondern Männer vor sich habe, von denen auch er in Kriegssachen etwas lernen könne.

Als der einförmige Klang der Stimme Weyrothers verstummt war, hatte Kutusow die Augen aufgemacht, wie ein Müller, der aufwacht, sobald der einschläfernde Ton der Mühlenräder eine Unterbrechung erfährt. Er horchte auf Langerons Äußerung hin, und als ob er sagen wollte: »Habt ihr immer noch diese Dummheiten vor?« schloß er schnell wieder die Augen und ließ den Kopf noch tiefer hinabsinken.

In der Absicht, Weyrother in seinem Stolz auf den von ihm entworfenen Schlachtplan recht tief zu verletzen, wies Langeron nach, daß Bonaparte, statt sich angreifen zu lassen, leicht selbst angreifen und dadurch diese ganze Disposition völlig wertlos machen könne. Weyrother antwortete auf alle Einwürfe mit einem überlegenen, geringschätzigen Lächeln, das er offenbar schon im voraus für jeden Einwurf in Bereitschaft hielt, ganz gleich, was jemand zu ihm sagen werde.

»Wenn er uns angreifen könnte, hätte er es heute getan«, sagte er.

»Sie meinen also, daß er nicht genug Streitkräfte besitzt?« fragte Langeron.

»Er kann höchstens vierzigtausend Mann haben«, antwortete Weyrother mit dem Lächeln eines Arztes, dem ein Quacksalber ein Heilmittel empfiehlt.

»Dann wird er also wohl unseren Angriff abwarten und seinem Verderben nicht entgehen«, erwiderte Langeron mit einem feinen, ironischen Lächeln und blickte wieder zum nahe bei ihm sitzenden Miloradowitsch hin, als suche er dessen Beistimmung.

Aber Miloradowitsch dachte in diesem Augenblick offenbar an nichts weniger als an das, worüber sich hier die Generale stritten. »Ei nun«, sagte er, »morgen auf dem Schlachtfeld werden wir über all diese Dinge ins klare kommen.«

Weyrother verzog wieder das Gesicht zu einem Lächeln, welches besagte, daß es ihm seltsam und komisch vorkomme, auf Einwendungen bei den russischen Generalen zu stoßen und ihnen Dinge beweisen zu müssen, von deren Richtigkeit er nicht nur selbst vollkommen überzeugt sei, sondern auch die Kaiser überzeugt habe.

»Der Feind hat seine Biwakfeuer ausgelöscht, und es ist von seinem Lager her ein ununterbrochenes Getöse zu hören«, sagte er. »Was bedeutet das? Entweder entfernt er sich (und das wäre das einzige, was wir zu fürchten hätten), oder er ändert seine Stellung.« Er lächelte. »Aber selbst wenn er eine Stellung bei Turas einnehmen sollte, würde er uns nur viel Mühe und Umstände ersparen, und alle unsere Anordnungen würden bis auf die geringsten Kleinigkeiten dieselben bleiben.«

»Wieso denn …?« fragte Fürst Andrei, der schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, seine Bedenken auszusprechen.

Da wachte Kutusow auf, hustete und räusperte sich stark und blickte die Generale um sich herum an.

»Meine Herren, die Disposition für morgen, oder richtiger für heute, da es ja schon nach Mitternacht ist, kann nicht mehr geändert werden«, sagte er. »Sie haben sie gehört, und wir alle werden unsere Pflicht tun. Vor einer Schlacht ist aber nichts wichtiger …« (er schwieg einen Augenblick) »als sich ordentlich auszuschlafen.«

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