Er schrie, so laut er konnte, und die Ziegen begannen auf ihn zuzulaufen, lautlos und hurtig, und starrten ihn aus den gelben Schlitzen ihrer schwarzen Augen an. Duny lachte. Es gefiel ihm, Macht über die Ziegen zu haben, und er wiederholte den Spruch in voller Lautstärke. Die Ziegen kamen daraufhin näher und begannen, ihn enger und enger zu umringen. Ganz plötzlich bekam er Angst vor ihren starken, gebogenen Hörnern, ihren seltsamen Augen und der ungewohnten Stille. Er versuchte aus dem Kreis auszubrechen und davonzurennen, aber die Ziegen verließen ihn nicht, sie rannten mit. So gelangten sie schließlich, ein dichtes Knäuel formend, ins Dorf. Es sah aus, als seien die Ziegen mit einem Seil zusammengebunden, in ihrer Mitte der schluchzende, heulende Junge. Die Dorfbewohner, vom Geräusch angezogen, traten aus ihren Häusern und riefen den Ziegen Flüche zu, während sie über den kleinen Jungen lachten. Die Tante trat unter sie, lachte aber nicht. Sie sprach ein Wort zu den Ziegen, und die Tiere, endlich vom Bann befreit, begannen zu meckern, Gras zu rupfen und sich allmählich zu zerstreuen.
»Folge mir«, sagte sie zu Duny.
Sie nahm ihn in ihre Hütte, in der sie allein wohnte. Kinder durften hier gewöhnlich nicht eintreten, sie hatten sowieso Angst vor dieser Behausung. Es war niedrig drinnen und sah düster aus, denn es gab keine Fenster. Der Raum war voll vom Duft verschiedener Krauter: Pfefferminz, wilder Knoblauch, Binsenkraut, Thymian, Schafgarbe, Rainfarn, Lorbeer, Trollblumen und Teufelsklaue, die zum Trocknen am Querbalken hingen. Die Tante saß neben der Feuerstelle mit überkreuzten Beinen, und während sie ihn von der Seite durch ihre langen schwarzen Haarsträhnen beobachtete, fragte sie ihn, was er zu den Ziegen gesagt habe und ob er wisse, was es bedeute. Als sie herausfand, daß er nichts wußte und doch in der Lage war, die Ziegen in den Bann zu schlagen und sie zu zwingen, ihm zu folgen, ahnte sie, daß große Macht in ihm schlummerte.
Als Sohn der Schwester bedeutete er ihr nichts, nun aber sah sie ihn in einem neuen Licht. Sie lobte ihn und sagte, daß sie ihn andere Sprüche lehren könne, die ihm bestimmt besser gefielen, wie zum Beispiel Worte, die eine Schnecke aus ihrem Gehäuse herauslocken, oder den Namen, der den Falken aus den Wolken riefe.
»O ja, sag mir den Namen!« rief er, der Schrecken mit den Ziegen war schon vergessen, und er setzte sich ganz aufrecht hin, denn es gefiel ihm, daß sie seine Klugheit lobte.
Das Zauberweib fragte ihn: »Wirst du dieses Wort nie anderen Kindern sagen, wenn ichʹs dich lehre?«
»Nie, ich verspreche es.«
Sie lächelte über seine offensichtliche Naivität. »Nun gut, aber ich werde dein Versprechen sichern. Du wirst nicht reden können, bis ich dich aus dem Bann löse. Dann kannst du zwar wieder sprechen, aber das Wort, das ich dich lehre, kannst du nur aussprechen, wenn niemand sonst mithören kann. Wir müssen die Geheimnisse unseres Gewerbes unter uns behalten.«
»In Ordnung«, sagte der Junge, denn er hatte nicht die Absicht, das Geheimnis an Freunde zu verraten, im Gegenteil, es gefiel ihm ganz gut, mehr zu wissen und mehr zu können als sie.
Er muckste sich nicht, während seine Tante ihr ungekämmtes Haar hinten zusammenband, ihren Gürtel fester knüpfte und sich niederließ, wiederum mit überkreuzten Beinen. Sie warf einige Hände voll Blätter ins Feuer, so daß sich der Rauch überall ausbreitete und die Hütte füllte. Dann begann sie zu singen. Manchmal änderte sie ihre Stimme, die einmal hoch, einmal tief klang, so als ob ein anderer aus ihr sänge, und der Gesang fand kein Ende, bis der Junge nicht mehr wußte, ob er schlief oder wachte. Während der ganzen Zeit saß der alte schwarze Hund des Zauberweibes, der nie bellte, neben ihm mit Augen, die rot waren vom Rauch. Dann sprach das Zauberweib mit Duny in einer Sprache, die er nicht verstand, und er mußte Sprüche und Worte nachsprechen, bis der Zauber über ihn kam und ihn festhielt.