Der Schüler näherte sich dem Meister: »Seit Jahren suche ich die Erleuchtung«, sagte er. »Ich fühle, daß sie nicht mehr weit ist. Ich möchte wissen, welchen Schritt ich als nächsten tun soll.«
»Und wie erwirbst du deinen Lebensunterhalt?« fragte der Meister.
»Noch habe ich nicht gelernt, mich selbst zu ernähren. Mein Vater und meine Mutter unterstützen mich. Aber das tut doch hier nichts zur Sache.«
»Der nächste Schritt besteht darin, daß du eine halbe Minute lang in die Sonne blickst«, sagte der Meister. Der Schüler gehorchte. Als die Zeit um war, bat der Meister den Schüler, er möge ihm das Feld um sich herum beschreiben.
»Ich kann es nicht sehen, die Helligkeit der Sonne hat meinen Blick getrübt«, antwortete der Schüler.
»Ein Mensch, der nur das Licht sucht und die Verantwortung für sich selbst anderen überläßt, wird die Erleuchtung nicht finden. Ein Mensch, der in die Sonne starrt, wird am Ende blind«, sagte darauf der Meister.
Macht Glauben unfrei?
Auf seiner Wanderung durch ein Tal in den Pyrenäen traf ein Mann auf einen alten Hirten. Er teilte sein Essen mit ihm, und sie saßen lange beieinander und sprachen über das Leben.
»Wenn ich an Gott glauben würde«, sagte der Wanderer, »hieße das für mich auch, daß ich mich damit abfinde, unfrei zu sein, denn dann würde Gott einen jeden meiner Schritte bestimmen.«
Da führte ihn der Hirt an eine Schlucht, deren Wände jedes Geräusch klar und deutlich als Echo zurückwarfen.
»Das Leben sind diese Wände, und das Schicksal ist der Schrei jedes einzelnen von uns«, sagte der Hirt. »Das, was wir tun, wird zu seinem Herzen aufsteigen und unverändert zu uns zurückkehren. Gottes Handeln ist das Echo unserer Taten.«
Von müßigen Gedanken
Der Schüler sagte zum Meister:
»Ich habe den größten Teil des Tages damit verbracht, über Dinge nachzudenken, über die ich nicht nachdenken sollte, mir Dinge zu wünschen, die ich mir nicht wünschen sollte, Pläne zu schmieden, die ich nicht schmieden sollte.«
Der Meister lud den Schüler ein, ihn auf einen Spaziergang im Wald hinter seinem Haus zu begleiten. Er zeigte auf eine Pflanze am Wegrand und fragte den Schüler, was für eine Pflanze das sei.
»Belladonna«, sagte der Schüler. »Sie tötet jeden, der ihre Blätter ißt.«
»Aber sie kann niemanden töten, der sie einfach nur ansieht«, sagte der Meister. »Ebensowenig können verwerfliche Wünsche dem etwas anhaben, der sich nicht von ihnen verführen läßt.«
Kein Feuer ohne Rauch oder Vom Wert der Eigenerfahrung
Eines Nachts setzte sich der Meister mit seinen Schülern zusammen und bat sie, ein Feuer anzuzünden.
»Der spirituelle Weg gleicht dem Feuer, das vor uns brennt«, sagte er.
»Der Mensch, der es anfachen will, muß den anfänglichen Rauch in Kauf nehmen, der einem das Atmen erschwert und Tränen m die Augen treibt.
Brennt das Feuer jedoch einmal, verschwindet der Rauch, und die Flammen erleuchten alles ringsum, schenken uns Behaglichkeit und Frieden.«
»Aber es könnte doch jemand anderes das Feuer für uns anfachen«, meinte einer der Schüler. »Und jemand uns zeigen, wie man es anstellt, daß kein Rauch entsteht.«
»Tut er dies, ist er ein falscher Meister. Er kann das Feuer hintragen, wohin er will, oder es löschen, wann er will. Da er aber niemanden gelehrt hat, wie es angezündet wird, kann es gut sein, daß alle im Dunkeln bleiben.«
Das Tor durch die Unmöglichkeit
»Wenn du dich auf deinen Weg machst, wirst du an eine Tür kommen, an der ein Satz geschrieben steht«, sagt der Meister.
»Komm zu mir zurück und sage mir, wie dieser Satz lautet.«
Eifrig macht sich der Schüler auf die Suche.
Eines Tages sieht er die Tür und kehrt zum Meister zurück.
»Am Anfang des Weges stand geschrieben: Es ist unmöglich«, berichtet er.
»Wo stand das?« fragt der Meister. »An einer Wand oder an einer Tür?«
»An einer Tür«, antwortet der Schüler.
»Nun, dann packe die Türklinke und öffne die Tür.«
Der Schüler gehorcht. Da der Satz an der Tür steht, bewegt er sich mit ihr. Als die Tür ganz offen ist, kann er den Satz nicht mehr sehen - und setzt seinen Weg fort.
Der erste Schritt auf dem spirituellen Weg
Ein Mann beschloß, einen Eremiten aufzusuchen, der in der Nähe des Klosters Sceta lebte. Nachdem er lange durch die Wüste gewandert war, traf er schließlich auf den Mönch.
»Ich will wissen, welches der erste Schritt ins spirituelle Leben sein muß«, sagte er.
Der Eremit führte ihn an einen kleinen Brunnen und bat ihn, sein Spiegelbild im Wasser zu betrachten. Der Mann gehorchte, doch der Eremit warf kleine Steine ins Wasser, worauf sich die Wasseroberfläche bewegte.
»Ich kann mein Gesicht nicht deutlich sehen, wenn Ihr Steine ins Wasser werft«, sagte der Mann.
»Ebensowenig wie es einem Menschen möglich ist, sein Gesicht im aufgewühlten Wasser zu sehen, kann er Gott suchen, wenn sein Geist einzig und allein auf die Suche fixiert ist«, sagte der Mönch. »Dies ist der erste Schritt.«
Vom Daumenlutschen und von anderen Lastern
Ein 32jähriger Patient suchte den Therapeuten Richard Crowley auf:
»Ich kann einfach nicht mit dem Daumenlutschen aufhören«, sagte er.
»Machen Sie sich darüber keine Sorgen«, beruhigte ihn Crowley.