1. GRANT ARMSTRONG ARCHER III
Obwohl er in eine der ältesten Familien in Oregon hineingeboren wurde, wuchs Grant Archer in Verhältnissen auf, die von Reichtum weit entfernt waren. Zu seinen frühen Erinnerungen gehörte der Anblick seiner Mutter, wie sie im Laden des Spendenhilfswerks auf der Suche nach Pullovern und Turnschuhen, die für den Schulbesuch nicht zu schäbig waren, Haufen gebrauchter Kleider durchwühlte.
Sein Vater war Methodistenpfarrer im kleinen Vorort Salem, wo Grant aufwuchs. Man respektierte ihn als Geistlichen, nahm ihn aber in der Gemeinde nicht allzu ernst, weil er, mit den Worten einer der Golfklub-Witwen, »arm wie eine Kirchenmaus« war.
Arm, soweit es Geld betraf, aber Grants Mutter sagte ihm immer, dass sein Vater mit der Gabe der Intelligenz gesegnet sei. Hauptsächlich seine Mutter, die in einem der zahlreichen Büros der Neuen Ethik in der Hauptstadt des Bundesstaates arbeitete, förderte Grants Interesse an den Naturwissenschaften.
Die meisten Funktionäre der Neuen Ethik begegneten den Naturwissenschaften und den Wissenschaftlern mit Argwohn, weil diese sehr oft dem klaren Wort der Heiligen Schrift widersprachen. Sogar Grants Vater drängte seinen Sohn, einen Bogen um die Biologie und alle anderen naturwissenschaftlichen Fächer zu machen, die den prüfenden Blick von Ermittlern der Neuen Ethik auf sie lenken würden.
Für Grant war das kein Problem. Seit er alt genug gewesen war, in ehrfürchtig staunender Verwunderung zum Nachthimmel aufzublicken, hatte er Astronom werden wollen. In der Oberschule, wo er der beste Schüler seiner Klasse gewesen war, verengte sein Interesse sich auf die Astrophysik Schwarzer Löcher. Zwar konnte er sich auch für die Entdeckungen auf dem Mars und draußen unter den Jupitermonden begeistern, doch reichte alles das bei weitem nicht an die Faszination heran, die der Todeskampf von Riesensternen auf ihn ausübte. Wenn er lernen könnte, sagte er sich, wie zusammengestürzte Sterne im Bereich ihrer Schwerefelder die Raumzeit verformten, würde er vielleicht einen Weg finden, wie solche Verformungen sich für interstellare Reisen von Menschen nutzen ließen.
Er träumte davon, im Observatorium auf der erdabgewandten Seite des Mondes zu arbeiten und den Gravitationskollaps ausgebrannter Sterne weit draußen in den Tiefen des interstellaren Raumes zu studieren. Allerdings hatte er gehört, dass es sogar dort im Observatorium Spannungen und Gefahren geben sollte. Trotz aller Kritik von Seiten der Neuen Ethik und der strengen Regeln, die von den Direktoren des Observatoriums festgelegt worden waren, versuchten einige Astronomen noch immer Zeit für die Suche nach Anzeichen außerirdischer Intelligenz zu erübrigen. Wurden verbotene Aktivitäten dieser Art entdeckt, so löste das Direktorium den Arbeitsvertrag des Verantwortlichen und schickte ihn in Unehren nach Hause; seine Berufslaufbahn war damit so gut wie ruiniert.
Solche Geschichten störten Grant nicht weiter. Er hatte vor, eine saubere Weste zu behalten, die allgegenwärtigen Agenten der Neuen Ethik nicht gegen sich aufzubringen und die rätselhaften Schwarzen Löcher zu studieren. Er war so vorsichtig, dass er nicht einmal das Wort »Evolution« gebrauchte, wenn er über die Entwicklungszyklen von Sternen bis zu ihrem finalen Kollaps sprach. »Evolution« war unter den Lauschern der Neuen Ethik ein höchst gefährliches Wort.
Am Ende seiner Schulzeit war er zu einem ruhigen, breitschultrigen jungen Mann mit einem dichten aschblonden Haarschopf herangewachsen, der ihm oft in die Stirn und seine hellbraunen Augen fiel. Er war gutmütig und höflich; im erbarmungslosen Einschätzungssystem seiner Mitschülerinnen wurde er als ein »Delta« geführt: als Schulfreund in Ordnung, besonders wenn es um Hilfe bei Hausaufgaben und Schularbeiten ging, aber zu langweilig für Verabredungen, außer in einem Notfall. Einsachtzig groß und gertenschlank, spielte Grant in den Baseball- und Leichtathletikmannschaften der Schule. Er war kein Spitzensportler, aber ein zuverlässiger mittlerer Leistungsträger, der den Trainern nicht den Nachtschlaf raubte.